Forschung

„Krankheit – das Fehlen von Gesundheit“ – ein Vortrag von Dirk Lanzerath

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©️Pernak Wikicommons

Kann eine Begriffsklärung durch einen Philosophieprofessor für die psychotherapeutische Tätigkeit gewinnbringend sein? Oder ist es in dieser Tätigkeit nicht eher hinderlich, sich konsequent „nur denkend“ einem Gegenstand zu nähern? Und bieten die Störungsmodelle der psychologischen Theorien nicht ausreichend Diskussionsgrundlage für das Thema, was denn eigentlich Krankheit sei?

Dirk Lanzerath geht in seinem Vortrag von einer philosophischen Haltung aus, die nicht rein argumentierend verfährt, sondern er stellt den Husserlschen Begriff des lebensweltlichen Zugangs an den Anfang. Damit setzt er eine subjektbezogene Einheit von Ich und Welt an den Anfang, in der vortheoretisch und unhinterfragt natürliche Einstellungen beschrieben werden und insbesondere das Ich nicht systematisch ausgeklammert wird. Die naturwissenschaftlich arbeitende Medizin dagegen laufe Gefahr, das Teil, also ihre an Daten und Fragmentierungen orientierten Ergebnisse, als das Ganze, also die Lebenswelt ihrer Patienten, anzusehen. Die Überführung von wissenschaftlichem Wissen in Lebenswelten hält Lanzerath für ein zentrales Thema, und dies ist nur möglich, wenn sowohl das Erleben des Kranken als auch die Kommunikation zwischen Arzt und Patient stärker in den Fokus rücken. 

Was mich zur Empfehlung des Vortrags brachte, ist Lanzeraths Ausdrucksweise, die ein unmittelbares Verstehen möglich macht. Man denkt – erneut – über das Thema der Pathologisierung der Trauer nach durch die Klassifikation als behandlungswürdige Krankheit, wenn sie mehr als zwei Wochen andauert. Oder über das mit großem Leiden verbundene Problem, das sich unter der Diagnose ADHS verbirgt, das aber wissenschaftlich fragmentiert wird und getrennt biochemisch, systemisch, tiefenpsychologisch und schulpolitisch behandelt wird. Auch die Gesundheitsökonomie und das Denken in statistischen Modellen werden befragt und in ihren ethischen Konsequenzen diskutiert.

Entsprechend seiner phänomenologischen Herangehensweise vertieft Lanzerath seine Thesen an einem Beispiel. Die Mitteilung von belastenden Labordaten durch Ärzte an Patienten könnten nur dann erfolgreich in deren Lebenswelten integriert werden, wenn auch beim Behandelnden eine Beschäftigung mit dem Krankheitsbegriff stattfinde. Krankheit mache spürbar, dass man mit seinem Körper identisch ist und zugleich von ihm wie von außen bestimmt werde, er sei weder ausschließlich Person noch Sache. Die Unsicherheit der gesamten Welt, deren Teil wir sind, werde erfahrbar, und auch als Gesunder rücke Verwundbarkeit und Sterblichkeit nahe, wenn man mit Kranken zu tun habe. Es wird hier ein Krankheitsbegriff als praktischer Handlungsbegriff vorgeschlagen, bei dem das, was der Patient mitteilt, wesentlich zur Konstituierung der Krankheit dazugehöre und der Arzt bei der Umsetzung des Krankheitsbegriff in die Lebenswelten des Patienten behilflich sein solle.

Ein anregender Vortrag, der seine Verortung in der Ethik nicht verbirgt und zu grundsätzlichen Gedanken über unser Krankheitsverständnis anregen kann, insbesondere wie wir in unserer speziellen Situation als PsychotherapeutInnen das individuelle Krankheitserleben mitgestalten. Wir suchen in einem gemeinsamen Prozess Worte und Geschichten, in denen der lebensweltliche Zustand von Kranksein gefasst wird, wir verwenden und erproben sie im Übergangsraum der Sitzungen und initiieren damit Handlungen, die mit Veränderungen einhergehen können. Bei diesem Vorgehen sich ethisch zu hinterfragen und zu einer Position zu kommen, sehe ich insbesondere in der aktuellen gesellschaftlichen Situation als sehr hilfreich an.

Prof. Dr. Dirk Lanzerath ist Philosophieprofessor, Geschäftsführer des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften sowie Mitglied der Ethikkommission der Bundesärztekammer. Sein Vortrag wurde am 28.01.2020 in Berlin gehalten im Rahmen  des Symposiums „Verständnis(se) von Gesundheit“ der Berlin-Brandeburgischen Akademie der Wissenschaften, zu finden bei DLF Nova.

Filme und Serien

„Black Swan“ – ein Film von Darren Aronofsky

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©️Searchlight Pictures

Meine letzte Empfehlung an dieser Stelle galt einem filmischen Plädoyer für menschliche Bindungen als Basis für heilsame Veränderungen („Good Will Hunting“). Vielleicht geschah dies aus der pandemisch bedingten Situation heraus (November 2020, Lockdown light). Das Sars-2-Virus torpediert bekanntermaßen Kontakte unter Menschen, da es sich dadurch vermehrt und so für seine Wirte gefährlich wird, also vermissen wir alle das Miteinander und wünschen es uns zurück. Heute soll ein Film besprochen werden, der vor Augen führt, welches Gift sich in einem Menschen ausbreiten kann, wenn die prägenden Bindungen zu wenig Spielraum für eine eigenständige Entwicklung lassen.

Bei einer Filmanalyse ist für mich eine wesentliche Frage die, ob der Film in Inhalt und Form kongruent oder dissonant ist. Also ist der Film in Szenenaufbau, Montage, Text, Setting etc. so gestaltet, dass die Themen des Films analog ausgedrückt werden, oder entsteht eine Spannung durch Unterschiedlichkeit? Wenn die Netflix-Miniserie „Damengambit“ durch stilisiertes Produktionsdesign glänzt, so wird die Ödnis des Waisenhauslebens durch die Gegensätzlichkeit spürbar. Oder die schlammige Farbgebung und die spannungsreduzierte Musik im Film „Spotlight“ doppeln die Darstellung von nüchterner und mühsamer Journalistenarbeit. Auch die Wirkung eines Films im Erleben der Betrachter kann man bezüglich Kongruenz oder Dissonanz befragen, und das war für mich der Einstieg in die Empfehlung zu „Black Swan“. Meine auch beim dritten Anschauen wiederkehrende innere Ablehnung und Entwertung des Films war sehr hartnäckig: “Symbolhammerartige Verwendung von Schwarz und Weiß, Spiegelbilder, Doppelgänger, E.T.A. Hoffmann kann das besser etc..“ Bis ich bemerkte, dass sich unmittelbar Aspekte seines Themas in mir abgebildet hatten, insbesondere die hinter dem Perfektionsstreben der Hauptfigur liegenden Entwertungserlebnisse, die in mir durch Abwerten abgewehrt werden sollten. Der Film wurde auch von anderen als ein Sandwich angesehen, außen plakativer Horrorfilm, innen Analyse des Perfektionsstrebens. Und so kann er auf der ersten Ebene abgelehnt werden, um damit die zweite Ebene nicht zu spüren. 

Erzählt wird vom Aufstieg der jungen Balletttänzerin Nina (Natalie Portman), die die Hauptrolle in Tschaikowskis „Schwanensee“ bekommen hat und damit in eine Spirale von Leistung und Perfektion gerät, die das Malträtieren ihres Körpers im Tanzen, aber auch in Selbstverletzungen steigert. Ohne ihren Körper jemals erotisch erlebt zu haben, wird sie von der Mutter (Barbara Hershey) als ihren Besitz behandelt, mal als Babypuppe, mal als erfolgreiche Tochter, die die eigenen Erfolgswünsche als gescheiterte Tänzerin erfüllen muss. Der Choreograph Thomas (Vincent Cassel) fordert, sie solle sich aus ihrer Perfektion lösen, um die schwarzen, verführerischen Seiten der Rolle ausfüllen zu können, und die Mittänzerin Lily (Mila Kunis) wird dafür zum Vorbild, was sie für Nina begehrenswert, aber auch zum Neidobjekt macht. Nina verliert schrittweise den Bezug zur Wirklichkeit, den Anforderungen der Entwicklung zu einer erwachsenen Frau ist sie kaum gewachsen und in ihrem großen Auftritt bringt sie ihre schwarze Seite hervor, aber verletzt sich dabei selbst so sehr, dass am Ende sowohl ihr Tod als auch ihr Weiterleben möglich erscheinen. 

In „Black Swan“ wird mit den Methoden des Horrorgenres gearbeitet, es gibt Schreckmomente, Gänsehaut, Ekel, man sieht dunkle Schatten und sattes Blut, zweifelt an Identitäten und erkennt Teile der Filmhandlung als Halluzination. Es sind bekannte Schubladen, aber das Gesicht der Hauptfigur zeigt auch oft unvermittelt und authentisch das Innere eines Menschen, in dem die Sucht nach der Selbstquälerei am Körper mit dem Wunsch nach Lebendigkeit kämpft. Natalie Portman tanzte in ihrer Jugend, sie bereitete sich ein Jahr auf die Rolle vor und ihr Gesicht transportiert Erfolgsdruck, Hingabe, Sehnsüchte und Kindlichkeit, Verzweiflung und Lebenswillen, manchmal so intensiv, dass man irritiert ist und sich fragt, ob sie die Rolle verlassen hat.

Im Film gab es keine positive Identifizierungsangebote, keine Sympathieträger, keine tragfähige Hoffnung auf Weiterentwicklung, nur Beziehungen, in denen eigene Interessen durchgesetzt werden, nur Streben nach Perfektion und Abgleiten in Wahnsinn. Wenn es zu Selbstverletzungen bei seelischen Störungen kommt, so ist der Hintergrund oft, dass der eigene Körper als Ort für eine Auseinandersetzung herhalten muss, die anders nicht geführt werden kann. Die autoaggressiven Tendenzen zeigen die Wut gegen intrusive und/oder fehlende Bezugspersonen, die aber keine Ausdrucksformen innerhalb dieser Bindungen finden kann, sondern gegen das eigene Leben gerichtet wird. Freier werden kann die Entwicklung, wenn es zu einer reiferen erotischen Beziehung kommt, hier wartet im Film allerdings nur der mit seiner Primaballerina Erfolg suchende Choreograph, der seine ‚Objekte‘ gerne „meine kleine Prinzessin“ nennt. Ein Silberstreifen am Horizont ist Ninas Zweitbesetzung Lily, die feiert und genießt, wütend und mitfühlend sein kann und Freundschaftsangebote macht. Nina halluziniert gegen Ende des Films, dass sie Lily tötet, stößt aber sich selbst die Spiegelscherbe in den Bauch. Sie tötet die Lily in sich, damit sie ihr perfektes Ziel erreicht. Der Grundkonflikt zwischen lebendiger Anteilnahme und todesnaher Perfektion wird vom Regisseur am Ende nicht aufgelöst und läßt damit die Seele entweder resigniert oder kämpferisch fürs Leben zurück.

Wie immer fehlen in meinem Beitrag zu diesem Film einige Aspekte. So könnte man über die Rolle der Mutter diskutieren, die sicher psychologisch vereinfacht angelegt ist, ebenso über die Doppelgängerthematik und die Farbsymbolik des Films. Auch Rezensionen sind lesenswert, spiegeln sie doch die Breite der Wirkung eines Werks. Andreas Borcholte spürt im Spiegel die Intensität der Bilder, ordnet den Film in Aronofskys Werkreihe ein und konstatiert ein Verwischen zwischen Realität und Leinwandgeschehen, analog zu den im Film dargestellten Grenzverwischungen und für Rabea Weihser in der ZEIT ist es ein „Strumpfhosenthriller“, der von der Hauptdarstellerin gerettet wird.

„Black Swan“ (2010) von Darren Aronofsky kann man für wenig Geld bei medimops kaufen, Natalie Portman bekam für ihren Rolle den Golden Globe und den Oscar (und sie fand bei den Dreharbeiten ihren Ehemann).

Filme und Serien

„Good Will Hunting“ – ein Film von Gus van Sant

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©️Miramax Pictures

Gestern hört ich beim Radfahren ein Interview mit Yuval Harari, dem Universalhistoriker und öffentlichen Intellektuellen. Er ist ein guter Wissenschaftskommunikator mit breitem Wissen, und ein bereichernder Begleiter, wenn auch als Vielredner manchmal anstrengend. Danach aber rumorte die im Interview aufgebrachte Frage nach dem Sinn des Lebens weiter in meinem Kopf. Religionen antworten darauf, mal mehr, mal weniger flexibel, und im aktuell weit verbreiteten Individualismus wird die Frage vielleicht wie eine Rollenfindung in einem Script behandelt: Wenn das Leben Hamlet spielt, bin ich dabei die Königin?

Wie aber würde ich eine Antwort geben, wenn ich gefragt würde? Gerne breche ich in meiner Arbeit als Psychotherapeutin solche Fragen herunter auf alltägliche Situationen. Ausgehend von dem, was mir der gegenübersitzende Mensch ohne großes Allgemeinwissen erzählen kann, frage ich weiter und weiter, höre darauf, welche Themen oder Spannungen darin zum Ausdruck kommen, was nicht explizit gesagt wird, was man befragen sollte und was man vielleicht ein wenig anders sehen oder machen kann. Was aber in meiner Arbeit dabei umfassend und grundsätzlich sinngebend wirkt, ist die gemeinsam gestaltete, reale menschliche Beziehung. 

Der Mensch wird geboren, ohne alleine überleben zu können, er ist lange auf anderer seiner Art angewiesen und könnte nicht überleben, würde er nicht eine dyadische Beziehung eingehen. Eine Beziehung, in der er sich als abhängig erlebt, aber auch als getragen und unterstützt und er kann diese Beziehung innerhalb seiner Möglichkeiten in einer Entwicklung gestalten. Auf andere angewiesen zu sein ist eine Urerfahrung, die ein Einzelwesen tiefgründig prägt und mit der sich dieses sein Leben lang auseinander setzt. 

Es gibt viele Filme, die das Zusammenkommen zwischen zwei Menschen explizit thematisieren und in einigen geht es dabei auch um die Behandlung einer seelischen Störung. Im Film „The King`s Speech“ z.B. wird die erfolgreiche Behandlung des Stotterns des englischen Königs Georg VI durch einen australischen Sprechtherapeuten beschrieben, die nicht unwesentlich auf der besonderen Beziehung der beiden beruht. Der hier empfohlene Film „Good Will Hunting“ (1997) ist allerdings doppelt gut für das Thema geeignet, denn es geht um die frühe Bindungsstörung eines jungen Mannes, die im Erwachsenenalter mit Hilfe einer Bindung behandelt wird. 

In dem insgesamt eher herkömmlich inszenierten Film geht es um den jungen Hilfsarbeiter Will (Matt Damon), der als Waise in einem Freundeskreis eine feste Stütze gefunden hat, aber auch oft Probleme hat, seine Gewaltausbrüche in den Griff zu bekommen. Seine mathematische Spezialbegabung zeigt er in einer Eliteuniversität, indem er nachts auf dem Flur mathematische Probleme löst. Er wird entdeckt und von einer drohenden Haftstrafe entbunden, wenn er sich sowohl mit einem Matheprofessor als auch mit einem Psychotherapeuten regelmäßig trifft. Eine Entwicklung wird in Gang gesetzt, in der es um den Aufbau von Beziehungen geht, parallel gezeigt in mehreren Zweierkonstellationen. Zentral ist dabei die Arbeit des Psychologen Sean McGuire (Robin Williams), der sich auf einen intensiven Austausch mit Will einlässt. Beide gestalten diese Begegnungen mit vielen Preisgaben, aber auch mit seelischem Gewinn. Der Psychologe lässt Will oft an seinem inneren Weg teilhaben und gerade das bewirkt Veränderungen. Parallel dazu erlebt Will seine erste Liebesbeziehung und gerät dabei in die Themen Annäherung, Vertrauen, Abhängigkeit und Angst vor Verlassenwerden. 

In Wills ersten Treffen mit Sean macht dieser alles richtig um den Kontakt zu Will herzustellen (ruhige Grundstimmung, keine starken Affekte zeigen, Gemeinsamkeiten suchen, auf Themen des Patienten eingehen, keine Ironie verwenden). Will aber ist von Anfang an nicht in der Lage sich zu öffnen und sucht nun in Seans Zimmer nach Ansatzpunkten, um das Gespräch auf diesen zu lenken und ihn zu beeinflussen, eventuell um wieder, wie schon bei den Kollegen, weggeschickt zu werden. Über ein von Sean gemaltes Bild rekonstruiert Will klug interpretierend dessen Einsamkeit und Trauer und wirft ihm daraus abgeleitet Deutungen an den Kopf, immer weiter, bis er am Ende sagt, er habe die falsche Frau geheiratet, sie habe ihn wohl mit jemandem betrogen. Sean kann sehr lange diese verbalen Schläge professionell abfedern, schließlich aber würgt und bedroht er Will. Beide werden in Nahaufnahme gezeigt, mit wütend-leeren Gesichtern, der Kontakt ist entgleist und es kommt zu einem Zusammenbruch der Beziehung. Der Film zeigt danach noch den Wechsel von Wut in Traurigkeit in Seans Gesicht und es wird ausgesprochen, dass er ihn weiterbehandeln wird.

Will kommt zum nächsten Termin wieder und Sean macht etwas Bemerkenswertes. Er erzählt ihm, wie er selbst mit Wills Verletzungen umgegangen ist, dass er lange nicht schlafen konnte, aber irgendwann verstanden habe, dass Will nicht wisse was in ihm, Sean, vorgehe, da er seine Lebenserfahrung nur aus Büchern erworben habe, und kaum eigene Erfahrungen über Liebe, Bindung und große Nähe zu einer Frau habe. Und entsprechend wisse er selbst auch nicht, wie es für Will gewesen sei, als Waise aufzuwachsen, nur weil er mal Oliver Twist gelesen habe. Im Grunde hält er einen Vortrag zum Thema Einfühlung, und dass er selbst nicht wissen könne, was in Will vorgehe, wenn dieser es nicht wagt, etwas von sich zu erzählen. Es ist ein Weg, Will zu zeigen, wie man mit einer großen Komplikation in einer Beziehung umgehen kann, und wie es danach weitergehen kann, z.B. mit Verstehen-Wollen und mit einem Gesprächsangebot. Im weiteren Verlauf der Gespräche werden Themen wie Bindungsangst, Schuldzuschreibung und Umgang mit Traumatisierung behandelt, auch Trennungen bekommen ihren Raum, aber immer innerhalb der gemeinsam gestalteten Beziehung.

Die anderen Zweierkonstellationen des Films sind Varianten zum Thema menschliche Bindungen und was diese aushalten können. Wills bester Freund Chuckie (Ben Affleck) gibt ihm Halt und Beständigkeit, aber er wünscht sich auch, dass Will mehr aus sich und seinem Talent mache, und als er Will davon erzählt, kann dieser sich damit leichter lösen. Das Mädchen, in das sich Will verliebt (Minnie Driver), begegnet ihm auf seinem Terrain, scherzt mit seinen Freunden und geht mit ihm zum Hunderennen, aber sie will auch mehr, fragt nach seiner Familie, will ihn besser kennenlernen und fordert, dass er weitere Schritte in die Intimität mit ihr mache. Gerry (Stellan Skarsgard) als Seans Studienfreund hat mehr Ehrgeiz als dieser, aber er konnte seinem Freund in der Trauer nicht beistehen, ihre unterschiedlichen Charaktereigenschaften werden deutlich, aber sie können am Ende damit leben.

Der Film endet mit großen Wagnissen, sowohl Sean als auch Will machen sich auf eine Reise mit offenem Ausgang, Sean möchte aus seinem selbstgebauten seelischen Gefängnis herauskommen, Will sucht sein geliebtes Mädchen. Im November 2020, aber auch zu anderen Zeiten kann man Filme sehr genießen, in denen der Mehrwert menschlicher Bindungen und Kontakte bebildert wird und man im Miterleben einer Geschichte sich deutlich machen kann, dass der Mensch im Tiefsten ein soziales Wesen ist.

Wer etwas zur Bindungstheorie lesen möchte, dem sei Peter Fonagy (z.B. „Bindungstheorie und Psychoanalyse“) empfohlen, aber man findet dieses Thema in allen modernen psychotherapeutischen Konzepten. Intersubjektive oder relationale psychodynamische Behandlungskonzepte greifen die hier angesprochene Vorgehensweise auf, das Innere des Behandelnden zur Verfügung zu stellen und nicht in einer unbeweglichen Abstinenzauffassung stecken zu bleiben. Zur Diagnostik: Die Darstellung der Hauptperson entspricht nicht einer Asperger-Symptomatik, es ist eher eine  spätadoleszenten Identitätskrise bei frühkindlicher Bindungsstörung mit mathematischer Hochbegabung. 

„Good Will Hunting“ (1997) von Gus van Sant nach einem Drehbuch von Ben Affleck und Matt Damon ist zu finden z.B. bei Amazon Prime, ebenfalls empfehlen möchte ich „The Kings Speech“ (2010) von Tom Hooper, Colin Firth als englischer König und Geoffrey Rush als Therapeut. Yuval Hurari sprach im ZEIT- Podcast „Alles Gesagt“ sehr ausführlich zum Thema „What is the Meaning of Life?“ mit Christoph Amend und Jochen Wegner. 

Bücher

„Serpentinen“ – ein Roman von Bov Bjerg

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©️Gaga Nielsen

Begonnen habe ich mit meinem Empfehlungsblog, da ich einigen Podcasts zum Thema Psychotherapie begegnet bin und diese als Abwechslung zu Fachliteratur interessierten KollegInnen ans Herz legen wollte. Inzwischen frage ich bei vielem, was ich lese und anschaue, ob man dabei auch etwas Spezielles über die Seele erfahren kann. Unter Pandemiebedingungen habe ich einige Romane gelesen und auch dort findet sich etwas für diesen Blog. 

In dem hier empfohlenen Buch geht es um das schwierige und bedrückende Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata, und neben Inhaltlichem transportiert gerade seine sprachlich experimentelle Fiktionsform viel „Wissen“ darüber. Bov Bjerg fragmentiert, wechselt die Zeitebenen, den Sprachstil, deutet an und führt die Leserin in die Irre und genau damit vermittelt er, wie innere Zerrissenheit und Zerfall eines Menschen aus einem beeinträchtigten Lebensweg entstehen.

Erzählt wird die Reise eines mittelalten Vaters mit seinem ca. achtjährigen Sohn aus Berlin in seine süddeutsche Heimat, zurück zum Anfang seines Lebens und zu den Wurzeln seiner Familie. Es könnte sein, dass sie fliehen, und dass der Junge in Gefahr ist, aber dies bleibt lange ungewiss. In drei Generationen dieser Familie haben die Männer sich das Leben genommen, und der Reisende überlegt, sich und seinem Sohn die von ihm vermuteten Auswirkungen zu ersparen, indem er ihn umbringt. Parallel dazu beschäftigt er sich mit seiner Vergangenheit, man erfährt vom Alkoholismus des Vaters, der Gewalt in der Familie und der Unfähigkeit der Eltern, ihn zu verstehen. In einer Nacht beginnt der Vater, den Sohn mit einem Kissen zu ersticken, bricht dies aber ab. Kurz danach fällt der Junge nach einem Streit von einem Baum mit einem Strick um den Hals, zeitgleich verdichtet sich der Eindruck, der Vater könne in eine psychotische Phase geraten sein. Nach dem Unfall des Sohnes wird der Vater festgenommen, aber nach Klärung durch die Mutter des Jungen setzen sie ihre Reise fort, indem sie zurück in die Großstadt reisen.

Schon mit den ersten Sätzen eröffnet der Roman, dass es um die Weitergabe von Krankheiten, Problemen und Charakterzügen innerhalb einer Familie geht. Wie kommt man zurecht mit den Lasten der Vor-Väter, mit den Selbstmorden von Vater, Großvater, auch schon Urgroßvater, den Vertreibungen, dem Rassismus, der Sucht, der Härte und den Abspaltungen und Verdrängungen in der Familiengeschichte? Sicher aber kann man sich dieses Themas nicht immer sein, denn die Erzählweise zerteilt das Geschehen und damit auch das Erleben der Leserin. Der Roman besteht aus kurzen Kapiteln und angerissenen Szenen und es gibt keine abgerundeten Erzählstränge in vertrauten sprachlichen Mustern. In den angebotenen Fragmenten ist es immer wieder schwierig, einen Faden zu finden, aber  der Roman bietet mehrere Einstiegspunkte, durch die man in einen Sog geraten kann. Gleichzeitig wird beim Lesen immer mitverhandelt, ob man aushält, was auf einen zukommen kann, oder ob es zu schwer wird und man das Buch weglegt. Damit wird im Leseprozess exakt das verdoppelt, was die Hauptfigur in ihrer Lebensgeschichte durchgemacht hat, nämlich sich ständig zu fragen, ob man so weiterleben kann.

Die Schwere der Lebenssituation wird in der Geschichte durch die Andeutungen spürbar, der Vater könne auf der Flucht vor etwas sein, da er nicht gefunden werden möchte. Bedrückend beschrieben werden auch die Pläne, den Sohn zu töten, bis hin zu einem Versuch, ihn schlafend zu ersticken. Psychotisches tritt in Form von Romanfiguren auf: die „große Schwärze befiehlt“, die „GROSSE BRILLE spricht“, und Bier wird schon am frühen Morgen getrunken und erbrochen. Die Polizei als äußere Instanz beharrt darauf, dass der vorher ausführlich als Retter im Familienchaos beschriebene Bruder nicht existiert und dies könnte ein Hinweis auf psychotische Symptome sein.

Ein kritischer und schwer zu ertragender Wendepunkt im Roman ist die Szene, wenn der Junge schläft und der Vater ihm das Kissen auf das Gesicht legt, um ihn zu töten und ihm damit sein eigenes Schicksal zu ersparen. Aber erzählt wird dabei auch von der inneren Entscheidungsfreiheit des Vaters, ob er ihn tötet oder nicht. „Wenn er davon erwachte, würde ich es nicht tun“ oder „Nahm er <der Schwarze Gott> den Befehl zurück, ließ ich ihn am Leben.“ Der Text läßt das Ergebnis an der Stelle zunächst offen und es werden Episoden zur Beziehung der Hauptfigur zu seinem eigenen Vater eingeschoben. Am Ende kommt die Hauptfigur, vielleicht mit Hilfe der Erinnerungen, zu einer überraschenden Erkenntnis. Die Tatsache, dass der Vater nicht mehr leben wollte, rührte nicht daher, dass er als Sohn nicht genügte, sondern im Gegenteil, er als Sohn war für ihn völlig ohne Bedeutung. Dies ist erleichternd und gleichzeitig erschütternd: „Ich war für den Vater: NICHTS“. Der nächste Satz aber löst die Spannung auf, ob der Junge vom Vater erstickt wird: “Der Junge war für mich: ALLES“, worauf der Vater zärtlich werden kann und Kissen wieder unter den Kopf des Kindes gelangt. 

Der Roman arbeitet an seinem Thema mit verschiedenen Mitteln, so auch damit, dass Bedeutungszuschreibungen mehrdeutig bleiben. Am Ende weiß man nicht, ob die Partnerin der Hauptfigur ihn versteht, ihm traut, ihn trägt, oder ob ihre Beziehung beendet ist und er vor ihr verheimlicht, was los ist. Und die erfundenen Figuren wie die große Schwärze, die GROSSE BRILLE und der Bruder können literarische Bilder des Erzählers sein, um das Innere der Figur verständlich zu machen, oder aber sie sind Hinweise auf eine psychotische Phase. Häufig wird Zeit vorwärts und rückwärts geschildert. Die Reise der beiden geschieht in langsamen Anschnitten und mehreren Orten der süddeutschen Heimat. Die Erkenntnisse über die Familiengeschichte erscheinen sprunghaft, in Fragmenten die Erlebnisse in der Kindheit, und in kleinen Begegnungen wie Zählen und Vorlesen das Annähern zwischen Vater und Sohn.

Dass in literarischen Werken mit Bildern gearbeitet wird, ist eher trivial, sei aber hier eigens erwähnt, da in der Psychotherapie davon gelernt werden könnte. Metaphern im psychotherapeutischen Prozess werden von vielen theoretischen Konzepten her als wirksam angesehen und können explizit gefördert werden, sie transportieren einen unbewussten Mehrwert und liefern anschauliche und transportable Hilfsmittel. Als Beispiel begleitete mich die Metapher des verlorenen Sohnes aus Bjergs Roman noch lange nach der Lektüre, so als habe sie ein wichtiges Thema veranschaulicht. Beschäftigt hat mich dabei die Frage, ob und wieso verlorene Menschen nicht weniger geliebt werden als treu unterstützende. Und dass auch Väter verloren gehen können, und ob man beim Wiederfinden der Väter auch mal fröhlich sein darf. Der Hauptfigur unterläuft die Fehlleistung, der verlorene Vater komme nach Hause und werde aufgenommen, sein Sohn verbessert ihn: der verlorene Sohn. Sowohl der Ich-Erzähler als auch sein Vater und dessen Vater können nach dem Verlorengehen wieder aufgenommen werden. Oder nicht? 

Es gäbe noch viel zu ergänzen, die punktgenaue Beschreibung sowohl depressiver Stimmungen als auch leidvoller Erosionen von Beziehungen unter der Last einer seelischen Erkrankung, oder die in dem Beruf der Hauptperson mitgeführte Frage nach der Analyse der Verhältnisse und ob Klugheit, Wissenschaft und Intellektuelle hilfreich sind. Und auch damit wäre noch nicht alles gesagt, aber dazu sei die eigene Lektüre empfohlen.

„Serpentinen“ von Bov Bjerg ist erschienen im Claassen Verlag Januar 2020 und steht derzeit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Carsten Otte rezensiert in ZEIT ONLINE differenziert und begeistert und Wolfgang Tischer führt im Podcast von literaturcafe.de ein ausführliches und lebensnahes Gespräch mit dem Autor.

Filme und Serien

„La Mala Educación“ – ein Film von Pedro Almodovar

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©️El Deseo 2004

Kann man das Thema Missbrauch von Kindern durch katholische Priester in einem Film angemessen darstellen? Kann ein Film Zuschauern dieses Phänomen näherbringen, in all seiner Brisanz? Ein durchaus gelungener Versuch dazu ist Pedro Almodovars „La Mala Educación“, der mit Hilfe von verschachtelten Zeitebenen und irritierender Auflösung von Identitäten und Erinnerungen die Wirkung von Missbrauch in der Kindheit filmisch verarbeitet.

Erzählt wird die Geschichte von Ignacio, der im Internat von seinem Lehrer, Pater Manolo, sexuell missbraucht wird. Einige Jahre später, transgender lebend und drogenabhängig, erpresst er den inzwischen verheirateten Pater, um seine Situation zu verändern. Er wird von ihm getötet, da dieser Ignacios jüngeren Bruder Juan begehrt, der wiederum Pater Manolo für den Mord an seinem Bruder benutzt hat. Juan wiederum sucht einige Jahre später den Regisseur Enrique auf, einen Freund Ignacios, der damals aus dem Internat geworfen wurde, obwohl Ignacio, begehrt von Pater Manolo, seinen Körper zur Verfügung stellte, damit Enrique bleiben konnte. Juan möchte Schauspieler werden und bietet Enrique – sich als Ignacio ausgebend – dessen Erzählung „Der Besuch“ an, die Ignacios Geschichte erzählt. Enrique dreht den Film mit ihm und geht eine sexuelle Beziehung mit ihm ein, wissend, das es Juan ist und nicht Ignacio, Juan wiederum weiß, dass Enrique seine wahre Identität kennt. Nach dem Dreh der letzten Szene (der Mord an Ignacio) erscheint der Pater und erzählt Enrique von dem gemeinsamen realen Mord an Ignacio, woraufhin dieser Juan aus seinem Leben wirft. 

Was sich wie eine verwickelte Kriminalgeschichte liest, ist im Film manchmal anrührend und betroffen machend, manchmal plakativ und farbenfroh, manchmal aber auch messerscharf sezierend, wenn es um die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit geht. Der Film verweigert sich dem direkten Verständnis, zumal mit Doppelbesetzung gearbeitet wird, mit Film im Film und Erzählung im Film, mit Andeutungen, verschwimmenden Erinnerungen und schwelgenden, überzeichnet wirkenden Szenen. Allmählich erst bekommt man einen Faden in die Hand, man wendet sich den Schicksalen der Beteiligten zu, entwickelt Sympathien und Betroffenheiten, nur um dann wieder zu spüren, dass sich wenig intime Nähe zwischen den Beteiligten einstellt, dass Beziehungen dazu dienen, die eigenen Ziele und Begehrlichkeiten durchzusetzen und dass sich viele Szenen schön, aber leer anfühlen.

Dabei ist der emotionale Kern des Films weder die Schuldfrage, noch die Verurteilung der katholischen Kirche oder womöglich eine autobiographische Aufarbeitung. Es ist die berührende Frage: Wie überlebt man es, von einem Erwachsenen zum Objekt des Begehrens gemacht worden zu sein? Der Film zeigt die ganze Bandbreite der Toxizität von benutzenden Beziehungen: wie sich Ignacio abhängig macht von seinen körperlichen Bedingungen, wie er sich in der Sucht selbst zerstört, wie er sich durch das Aufschreiben seiner Geschichte befreien kann und doch wieder durch das eigene Erpressen in einen Teufelskreis gerät. Wie sich der jüngere Bruder Juan missbraucht fühlt von Ignacios Problemen, ihn aber auch imitiert (eine Vaterfigur scheint zu fehlen) und andere Menschen noch konsequenter als Ignacio für seine Zwecke benutzt, den Pater zum Mörder macht und Enrique zum Regisseur seines Erfolgsfilms. Wie der Pater unbeirrbar sein Beziehungsmodell von abhängiger und zugleich dominierender Lust auslebt, nicht gestoppt werden kann, in Gang gesetzte Veränderungen sich nicht aneignet und damit weiter auf seiner toxischen Linie bleibt. Wie sich Enrique als Regisseur zwar produktiv betätigt, aber aus der unschuldigen Schuld, dass sich Ignacio für ihn geopfert hat, nicht befreien kann. Und wie Enrique Juan benutzt für sein „Zerschneiden“, sein neugieriges Sezieren und filmisches Montieren von Menschen und Gefühlen, und ihn am Ende fallen läßt.

Aber auch Nicht-Toxisches spielt eine große Rolle. Das Kino bietet sich als ein Gegenentwurf zur Kirche an, es zieht einen in den Bann, bietet Versammlungsrituale, stellt menschliche Verwirrungen und Dramen dar, kurzum es ist ein magischer Ort – und für Enrique sogar ein schöpferischer. Dazu lädt viel Sorgfalt und schwelgerische Lust in der Ausstattung der einzelnen Szenen zum Genießen ein, und die sanfte, liebevoll-erotische Darstellung von Juan-Ignacio-Zahara lässt Respekt und Zuneigung spüren. Es ist als gebe der Film kleine atmosphärische und szenische Hinweise, wie man den kindlichen Missbrauch ohne manipulative oder tödlich endende Beziehungen überleben kann.

Erlebter Missbrauch setzt in der Seele ganz bestimmte Abwehrmechanismen in Gang, die auch im Film zu sehen sind: Erinnerungen verlieren sich, werden aufgeladen, überblendet, verdrängt und geleugnet. Zuschauend ist man irritiert, was Realität, Film, Erinnerung oder Phantasie ist, und erlebt so das, was womit viele Opfer zu kämpfen haben. Sowohl inhaltlich (manipulative Beziehungen) als auch formal (Dissoziationen, Leugnen, Derealisationsphänomene) bildet der Film Aspekte des Themas nach einschließlich der Möglichkeiten des Auswegs in Kreativität und Sanftheit.

Es sei kein autobiographischer Film, meint der Regisseur Almodovar, auch die Kritik an der katholischen Kirche sei kein zentrales Thema, und die Sexualität des Täters, ein Pater und Lehrer eines Knabeninternats, werde nicht verurteilt. Diese Haltung des Regisseurs merkt man dem Film an und sie macht den Zugang leichter. Die intensiven Bilder, die Almodovar findet, führen aber auch bei Kritikern zu bemerkenswert unreflektierten Äußerungen, wie bei Fritz Göttler, der 2010 in seiner Besprechung das Muster des unschuldigen Verführers (der Knabe Ignacio) bemüht, das endgültig nicht mehr herangezogen werden sollte zum Verstehen von Kindesmissbrauch.

„La Mala Educación“ (2004) findet man bei Amazon, Fritz Göttler problematische Besprechung In der Süddeutschen Zeitung, lesenswert ist auch der Beitrag zum Film im Blog „Talkingaboutsexualtrauma“ sowie Oliver Hüttmanns begeisterte und ausführliche Rezension von 2004 im Spiegel. Er räumt zwar dem Missbrauch nicht viel Raum ein, aber die vielen Ebenen des Films werden genau nachgezeichnet und mit der Metapher der „schwarzen Rose mit sinnlichem und verstörenden Duft“ treffend zusammengefasst.

Bücher

„Mein Fall“ – ein Buch von Josef Haslinger

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Kreuzgang Stift Zwettl

Jeder, der sich mit Missbrauch beschäftigt, weiß, dass diese seelische Verletzung eine Vielzahl an hilflosen oder ungenügenden Bearbeitungsweisen in Gang setzt, um damit weiterleben zu können. Über das ‚Danach‘ zu sprechen ist oft genauso wenig möglich, wie die missbräuchlichen Erfahrungen selbst zu thematisieren. Die Opfer finden kaum Worte und Wege sich zu äußern, außer in Symptomen und Persönlichkeitsveränderungen. Die Täter sprechen gar nicht.

Umso interessanter erschien es mir, wenn ein Schriftsteller seine Missbrauchserfahrungen in einem katholischen Knabenstift der sechziger Jahre in Buchform veröffentlicht. „Mein Fall“ von Josef Haslinger ist ein wichtiges und auch viel besprochenes Buch, das Diskussionen auslöste. Der Autor hatte seine Kindheitserfahrungen in dem Internat schon mehrmals literarisch verarbeitet und in Zeitungsartikeln Stellung bezogen, hatte dabei aber im Sinne der Täter argumentiert. Mit Anfang 60 stellt er sich nun seiner Vergangenheit und arbeitet dabei zugleich auf, wie er im Lauf der Jahrzehnte mit dem Missbrauch umgegangen ist. Man kann dem Autor beim sprachlichen Reflektieren über das eigene Leben zuschauen und man erkennt, wie Missbrauchserfahrungen ein Leben lang weiterwirken und sich dabei jeder einfachen Verleugnung oder Verdrängung widersetzen. Haslinger hatte zunächst alles Erlebte vergessen, nachdem der missbrauchende Pater das Internat verlassen musste. Er beschreibt, wie er selbst jüngeren Schülern gegenüber gewalttätig wurde, wie er sich später in der gesellschaftlichen Diskussion am Verharmlosen beteiligte und wie er rationalisierend dem Täterschutz diente. Wie er den Opferstatus zu vermeiden versuchte, indem er zunächst nicht offiziell aussagte. Wie er Erinnerungen selektierte, literarisierend Spannungen abwehrte und sich insgesamt zu einem „Gefallsohn“ entwickelte, dem es oft schwerfiel, entschieden aufzutreten und anderen damit eventuell Schmerzen zuzufügen, da „Tätersein“ im allgemeinsten Sinne für ihn mit Schuld belegt war. Letztendlich war ihm das Schreiben dieses Buches erst möglich, als der Täter verstorben war.

Das Buch ist eine Zergliederung der bei diesem Thema zwangsläufig auftretenden Täter-Opfer-Zuschreibung, so als habe Haslinger gespürt, dass er darin gefangen war und ist und zugleich sich in schreibender Weise davon lösen möchte. Seine Eltern wollten das Beste für ihn, indem sie ihn in das Internat schickten, aber sie haben nichts bemerkt, denn in ihrer Welt existieren keine missbrauchenden Pater. Selbst nichts über die Vorkommnisse zu sagen hatte für Haslinger lange den Sinn, den Pater nicht bloßzustellen, da er damit selbst zum Täter werden könnte. Zum Opfersein zu stehen bedeutet einen Verlust von Autonomie, man fühlt sich hilflos, beschämt, klein, entwürdigt, ent-individualisiert, also wird es abgewehrt. Aber auch eigene Positionen in Konflikten entschieden zu vertreten und damit andere zu verletzen, ist belastet, als würde man damit zum Täter. Und was oft der schwerste Aspekt ist: Der missbrauchende Pater war freundlich und verständnisvoll in einer gewaltpädagogischen Umgebung, Nähe zu ihm aufzubauen war unumgänglich. In einem zufälligen Zusammentreffen im Erwachsenenalter, beide gehen zufällig in einem Tagungszentrum aneinander vorbei, wird die Täter-Oper-Beziehung verdichtet beschrieben (S.33):

„Als er da auf mich zukam, sagte ich mir innerlich, hoffentlich erkennt er mich nicht. Als er mich aber dann wirklich nicht erkannte, war ich getroffen. Wie konnte er mich vergessen haben?“

Haslinger schreibt Literatur und erforscht Literatur, daher ist das Buch in seinen Formen vielfältig und erleichtert so die Annäherung an das Thema. Man kann ihn beim Faktensammeln begleiten, alles ist sauber recherchiert und oft sachlich dargestellt. Er legt seine inneren Diskussionen offen, wie er lange das Thema zu umgehen versuchte. Sehr einprägsam und ehrlich ist seine Sprache, wenn er das demütigende, mehrmalige Erzählen seiner Erlebnisse bei offiziellen Stellen beschreibt. Auch psychologisches Analysieren kommt vor, wenn er das autoritäre System zergliedert oder sein eigenes Schlagen jüngerer Schüler als Identifikation mit dem Aggressor beschreibt – und manchmal liest sich das Buch auch wie eine dramatische Kriminalerzählung. Schließlich zeigt Haslinger anhand seiner Beschäftigung mit Fotografien aus der Vergangenheit auf, wie undeutlich und auch fragwürdig Erinnerungen sein können.

Haslinger leistet einen lesenswerten Beitrag zu einem wichtigen und schweren Thema, Zugangshürden können damit für Leser überwunden werden, aber auch Fachleute ziehen Gewinn, denn selten wird so sprachlich versiert darüber geschrieben. Das Buch ist im Januar 2020 im S.-Fischer Verlag erschienen. Viele Rezensionen großer Zeitungen sind noch hinter der Paywall, aber es gibt ein Interview mit Josef Haslinger im Deutschlandfunk, lesenswert ist auch diese Besprechung im Blog „Talkingaboutsexualtrauma“ 2019.

Abbildung Wikimedia Commons

Filme und Serien

„Under the Skin“ – ein Film von Jonathan Glazer

Veröffentlicht am
© wildbunch 2014

Einige Kritiker meinten 2013, dieser Film könne ein Kultfilm werden, da er den Zuschauer mit mehr offenen Fragen zurücklasse als andere Filme. Ein solcher Effekt entsteht ja, wenn man beim Sehen des Films mehrere Geschichten entwickeln kann, in die das Geschehen hineinpasst, aber nie eine endgültige Bestätigung für eine Version erhält. Zusammen mit der durch spezielle filmische Mittel erreichten, traumhaft-surrealen Atmosphäre ist damit Jonathan Glazers Film recht gut charakterisiert.

In der Handlung geht es um eine unberührt wirkende, namenlose Frau (Scarlett Johannsen), die sich in einem Lieferwagen durch Randzonen einer Großstadt bewegt und Männern auf eine dokumentarisch-nüchterne Art beobachtet, wie sie sich bewegen, was sie sagen, wie sie mit ihr ins Gespräch kommen. Mit der Aussicht auf Sex lockt sie einige Männer in ein leerstehendes Haus, wo sie in einer schwarzen gestaltlosen Masse versinken, irgendwann ruckartig ihr Körperinneres verlieren und als tanzende Hauthülle dort verbleiben. Nach der Begegnung mit dem ersten Mann, den sie nach der Nacht wieder aus dem Haus läßt, verändert sich das Schema, die Frau begibt sich in die Welt hinaus und landet schließlich bei einem vorsichtigen und eher sanften Mann in dessen Haus. Nach einer Nacht mit ihm läuft sie in den Wald und wird nach einer versuchten Vergewaltigung von einem Waldarbeiter durch Verbrennen getötet.

Dies könnte eine Science-Fiction-Horror-Geschichte sein, denn die Frau hat die äußere Hülle einer menschlichen Frau verwendet und entpuppt sich am Ende als schwarzes Alien-Wesen. Aber die entsprechenden Filmmuster fehlen, es gibt kein Geschrei, keine entsprechende Musik, kein Erschrecken, Horror oder Blut. Die Straßenaufnahmen sind ungestellt, die Darsteller spielen entweder non-fiktional oder sie bewegen sich, wie die Hauptfigur und deren Helfer, maschinenhaft unbewegt durch das Geschehen, es gibt einige traumähnliche Sequenzen und der Filmsound ist eher experimentell.

Scarlett Johannsen spielt hier eine kühle und unempathische Frau, die zu Beginn dokumentarisch, manchmal leicht neugierig wahrnimmt, wie sich Menschen öffentlich bewegen und ihr gegenüber verhalten. In ihrem Haus nimmt sie den Männern, die mit ihr Sex wollen, das Innenleben und sie können nicht mehr in ihr eigenes Leben zurückkehren. Bei einem dieser Kontakte wird gezeigt, wie sie völlig unbeeindruckt ein schreiendes Kleinkind am Meer dem sicheren Tod überläßt. Versinnbildlicht wird dabei der aus manchen Störungsbildern bekannte innerseelische Zustand, dass es völlig fremd und unmöglich erscheint, sich in jemand anderes hinein zu versetzen, zu fühlen, was der andere fühlt oder wie das eigene Verhalten auf den anderen wirkt. Im Kontakt zu einer solchen Frau werden die Männer zu Hüllen ohne innere Regungen. Aber die Iris des menschlichen Auges als Metapher weist darauf hin, dass über das Sehen etwas ins Innere der Frau gelangt, sie lernt im Beobachten, durch Begegnungen, durch das Anfassen von Tieren und durch Blut auf ihrer Haut. Ein Wendepunkt ist das Zusammentreffen mit einem äußerlich stark entstellten jungen Mann, der noch nie eine Freundin hatte, also noch nie von einer Frau berührt wurde. Sie öffnet ihm nach der Nacht mit ihr die Tür des Hauses und er entkommt, eine Handlung, mit der ihr Schema sich zu ändern beginnt. Lieferwagen, Helfer, Haus läßt sie zurück und nähert sich einem Mann in einem Bus, der ihr fremde Beziehungsangebote macht: Essen, Trinken, Spazieren, Vorsicht und Fürsorge. Sie verbringen eine Nacht miteinander und als er in sie eindringen möchte, schaut sie sich neugierig verwundert ihre Vagina an – in ihrem Inneren scheint sich etwas zu bewegen.

Unberührbarkeit und die Unmöglichkeit sich in andere hinein zu versetzen werden in diesem Film vorgeführt und es deuten sich auch Wege an, wie eine Veränderung möglich ist. Allerdings zeigt das Ende der Geschichte, rückwärts betrachtet, was der Gewinn daran sein kann, unberührt durch die Welt zu gehen: Man beherrscht andere Menschen, da man selbst von diesen nicht verletzt werden kann, und manchmal kann man sich sogar das Innenleben der anderen aneignen. Beginnt man diesen Mechanismus zu befragen, ja sogar zu verändern, so fühlt man sich hilflos, man wird überwältigt, verfolgt. Die anderen können das eigene, fremde Innere sehen und mit völligem Unverständnis, Abwehr und Zerstörung reagieren.

Die passenden klinischen Begriffe sind Mentalisierungsfähigkeit, Affektspiegelung oder Alexithymie, aber sie sind keinesfalls deckungsgleich mit dem, was der Film zeigt. Besser als in jedem Lehrbuch allerdings wird hier spürbar gemacht, was ein Mangel an seelischem Innenleben bedeutet und wie schwer es ist, daran etwas zu verändern.

Under the Skin, GB 2013, Regie Jonathan Glazer kann man bei Amazon Prime leihen oder hier als DVD gebraucht kaufen, ein Interview mit dem Regisseur findet man hier.

Forschung

„Maligner Narzissmus“ – ein Podcast von Jakob Müller

Veröffentlicht am
© Mia Florentine Weiss 2015

Amokläufer und rassistische Attentäter sind 2020 aus unserer Lebensrealität nicht mehr wegzudenken und ihr tiefer Hass ist Gegenstand vieler Erklärungsversuche. Der hier empfohlene Vortrag aus der Reihe „Rätsel des Unbewussten“ stellt sich dem Thema zwar vom Individuellen ausgehend und konsequent psychoanalytisch, einiges davon kann durchaus auch auf soziale Prozesse übertragen werden.

Ruhig und differenziert nähert sich Jakob Müller dem Gegenstand, indem er die übereinstimmend zu findenden Kennzeichen der malignen Narzissmus anschaulich und gut verständlich darstellt. Sadismus, Despotismus, Machiavellismus, Charme und Charisma sowie Paranoia sind die Eckpunkte der Beschreibung, und in diesen Ausführungen wird oftmals auf die Art der Beziehungsgestaltung eingegangen, die dieser Persönlichkeitsstörung eigen ist. Konsequent intersubjektiv betrachtet ist im sadistischen Verhalten ein Rest an Empathie zu erkennen: das Leid des anderen wird genossen, was zugleich auch bedeutet, dass es seelisch wahrgenommen wird (im Unterschied zur Psychopathie, wo andere Menschen nur Objekte sind). Despotisch sein bedeutet über andere zu herrschen, um sich keinesfalls von diesen beherrschen zu lassen, im Machiavellismus steckt eine Totalablehnung der Bedeutung des anderen (gut ist nur das, was mir nützt). Charme und Charisma dienen dazu, durch gewinnenden Umgang mit anderen die eigene riesige Sehnsucht nach Bewunderung zu stillen und in der Paranoia wird auf der Basis von mangelndem Vertrauen und anknüpfend an eigene Misserfolge und Kränkungen die Schuld dafür bei anderen gesucht, bei Einzelnen, Gruppen, Organisationen bis hin zu wahnhaften Erklärungssytemen.

Unerträgliche Leere und Sinnlosigkeit bestimmen die Innenwelt beim malignen Narzissmus, sie wird versucht mit Erfolgen auf verschiedenen Ebenen zu füllen und sie ist ein Einfallstor für Weltanschauungen, die diese vermeintlich füllen sollen. Das Gefühl zu kurz gekommen zu sein ist übermächtig, daraus resultiert ein Hass auf alles Schwache (soziale Randgruppen, Frauen, Kinder, Tiere u.a.), also auch auf Schwaches in einem selbst. Als zentral in den psychodynamischen Überlegungen wird dieser Selbsthass angesehen, resultierend aus frühen Beziehungserfahrungen, in denen Missachtung und Entwürdigung, oder aber sexueller/sich liebevoll darstellender emotionaler Missbrauch vorherrschten. Die wiederholt erlebte seelische Vernichtungsdrohung wird gewendet in Beherrschen und Auslöschen von allem Schwachen in sich, als letzte Überlebensstrategie wird das Schwache in sich auf andere projiziert, dort gehasst, zu beherrschen versucht und oftmals zerstört. Ausgehend vom Selbsthass wird so auch die Selbstauslöschung von Tätern erklärbar.

Herbert Rosenfeld hat den malignen Narzissmus als erster charakterisiert, und das Bild, das er für das zugehörige Seelenleben findet, ist erschreckend. Es sei wie ein Staat ohne Gesetze, es gelte nur das Recht des Stärkeren, es gebe keine Institutionen, die die eigenen Interessen vertreten oder schützen, in diesem zerfallenen Staat entstehen mafiöse Strukturen, deren gewalttätige Organisationsformen mehr Schutz geben als der Zustand davor, allerdings müsse man sich dem Diktator ganz verschreiben, es gebe kein Entrinnen und Abweichler werden getötet.

Entsprechend der geschilderten Dynamik ist auch die Psychotherapie mit solchen Störungen schwer bis unmöglich. Der Behandelnde wird attackiert, da er dem Schwachen in sich und in dem Patienten ein Lebensrecht zugesteht, aber wenn im Patienten eine Hoffnung vorhanden ist, dennoch nicht verlassen zu werden, kann diese gestärkt werden und er erfährt vom Gegenüber eine lange vermisste Treue zum liebesbedürftigen Teil im Patienten, die die oft destruktiven Kämpfe in der Behandlung aushaltbar machen können. Müller fasst dies zusammen in der Aussage, Hass bindet mit gleicher Kraft wie Liebe.

Nach dem Hören des Vortrags könnte man für die Betrachtung von Attentaten schlussfolgern, dass Menschen mit einem maligne-narzisstischen Hintergrund sich dessen bedienen, was ihnen die Gesellschaft an Wegen bietet, ihre Fremdherrschaft auszuüben, oder wie Carolin Emcke schreibt, Hass braucht vorgeprägte Muster, in die er sich ausschüttet. Diese Muster aufmerksam zu verfolgen und versuchen zu ändern ist ein wichtiger Schritt der Bekämpfung. Ebenso erschien mir aber die Formulierung beachtenswert, „der Schwäche in sich ein Lebensrecht zugestehen“ und „die Treue zum liebebedürftigen Teil anzubieten“. Übertragen kann das heißen, z.B. zur ‚Schwachheit‘ der menschlichen Grundhaltung zu stehen, Ertrinkende im Meer retten zu wollen. Oder in offenen sozialen Räumen Stärke und Schwäche gleichberechtigt darzustellen. Oder zur Schwäche der Demokratie zu stehen: In ihr kann nicht stark oder auch despotisch geherrscht werden, sondern es müssen schwierige Kompromisse unterschiedlicher Interessen in langwierigen Prozessen ausgehandelt werden.

Umgang mit Schwäche im öffentlichen Raum muss in diesem Sinne nicht eine Einladung zur Täterschaft sein. Man wird das Bild von Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, lange nicht vergessen, wie sie 2019 mit Kopftuch den Opfern des Attentats in Christchurch ihr Beileid und ihre Unterstützung zeigte. Keine narzisstische Zufuhr der Täter und Gleichgesinnter durch ausführliche Berichterstattung, sondern konsequente „Treue zum liebedürftigen Teil“, nicht im Täter, sondern in den Trauernden. Und damit der Schwäche ein Lebensrecht zugestehen.

Der Beitrag von Jakob Müller findet sich hier, er ist Teil der Podcast-Reihe „Rätsel des Unbewussten“. Herbert Rosenfelds grundlegenden Aufsatz findet man hier, einen Beitrag zum Narzissmus von Jakob Müller hier. Eventuell ergänzend zu psychoanalytischen Überlegungen bezogen auf gesellschaftliche Prozesse Georg Seeßlens Beitrag zum Anschlag in Hanau bei ZEIT online hier. Carolin Emckes Buch „Gegen des Hass“ von 2016 kann man hier erwerben.

Die Abbildung zeigt die überdimensionale Stahl-Skulptur von Mia Florentine Weiss vor dem Senckenberg Museum in Frankfurt/Main, Love von einer Seite, Hate von der anderen Seite (2015).

Forschung

„Die Palliativversorgung in Deutschland“ – ein Vortrag von Lukas Radbruch

Veröffentlicht am
© Edith Buchhalter 2019

Niemand hat den Tod erlebt und könnte davon berichten, aber jeder Mensch weiß, dass er sterben wird. Diese Leerstellenparadoxie der menschlichen Existenz wird gefüllt mit Ritualen, besonderen Umgangsweisen und Szenerien, mit spezieller Musik und mit der Gestaltung bestimmter Orte. Aber der Sterbeprozess als wissenschaftliches Thema ist in der heutigen Gesellschaft, in der Selbstoptimierung und Technisierung vorherrschen, eher ungewöhnlich. Immer noch sprechen Menschen nicht gerne über das Sterben, obwohl es laut einer Studie des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes bei einem großen Teil der Bevölkerung den Wunsch nach mehr Informationen zu und einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema gibt. Ein weiterer Blogbeitrag zum Sterben (nach diesem) erschien mir deshalb folgerichtig, auch, um das Thema in mein eigenes Leben, Arbeiten und Denken zu integrieren.

Palliative Versorgung meint die ganzheitliche, aktive Betreuung von Menschen mit unbehandelbaren Krankheiten, um diesen ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Lukas Radbruch beginnt seinen Vortrag mit vielen Informationen zum Begriff „Palliativmedizin“ und beschreibt die typische Arbeitsweise einschließlich vieler auftretender Probleme. Er ist Kliniker, und man merkt seinem Vortrag an, dass er seinen Arbeitsalltag auf einer Palliativstation verbringt und daher sehr lebendig, manchmal humorvoll, manchmal betroffen davon berichten kann.

Fasziniert hat mich beim Hören des Vortrags, wie Lukas Radbruch von medizinischen Informationen ausgehend immer mehr ganzheitliche und die gängige medizinische Auffassung verlassende Forschungsansätze präsentiert beziehungsweise verstärkt fordert. Ganz selbstverständlich wird z.B. beim Thema „Essen in der Sterbephase“ das kulturelle Bild von Versorgung als ein wesentlicher Faktor angesehen. So können viele Menschen in dieser Phase körperlich keine Nahrung mehr verwerten, aber die Freiheit, nicht mehr zu essen, muss erstritten werden gegen die gängige Vorstellung, man müsse doch essen, um zu Kräften zu kommen. Andererseits wird ein schwer verträgliches, fetthaltiges Essen, bei dem sofortiges Übergeben erwartet wird, genussvoll vertragen, da es von der Mutter zubereitet wurde. Hier wird die bedeutsame Beziehung zur Mutter selbstverständlich als Wirkfaktor angesehen. Entsprechend dieser Haltung werden Studien gefordert, in denen interdisziplinäre Strukturen zum Zuge kommen, mit sozial-, geistes- human- und naturwissenschaftlichen Ansätzen sowie Erforschung der Angehörigenbetreuung.

Berichtet wird auch von einer europaweiten empirischen Studie zum assistierten Suizid, in der übereinstimmend die Haltung vertreten wird, diesen nicht in die palliative Versorgung zu integrieren, sondern als ein konkurrierendes Angebot zu verstehen (in den Ländern, in denen das rechtlich möglich ist). Wichtig an dieser Stelle war für mich, dass Radbruch empfiehlt, wenn ein Patient einen Sterbewunsch äußert, zunächst nach der Motivation zu fragen, denn meist erwarten die Patienten in dieser Situation nicht mehr, als dass man ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Das klingt einfach, ist aber weder im Berufsverständnis eines Arztes noch im Stationsalltag verankert. Wenn der betreuende Arzt überhaupt Zeit hat, will er oft den Sterbewunsch nicht hören, da er meint sonst den Psychiater rufen zu müssen. Radbruch aber hebt hervor, dass es in den Situationen meist eher um Akzeptanz für die aktuellen Empfindungen des Patienten geht, um Informationen zu Alternativen wie Symptomkontrolle und Sedationsmöglichkeiten und zu der Option, Flüssigkeit und Nahrung zu verweigern. Oder einfach darum aktuell die Sicherheit zu spüren, für einen späteren, schlimmeren Zustand noch etwas in der Hinterhand zu haben.

Vieles, was angesprochen wird, kann im Zusammenhang gesehen werden mit der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Verdrängung von Tod und Sterben. Radbruch pointiert dies in der Frage, ob das Auto des Bestatters in einer Klinik die Toten am Hintereingang abholen muss, oder ob es am Haupteingang vorfahren darf. „Wer bei uns zum Haupteingang hereinkommt, soll dort auch wieder hinauskommen“, ist seine Meinung dazu.

Lukas Radbruch ist Professor für Palliativmedizin in Bonn und der Vortrag wurde 2018 gehalten während der Jahrestagung der Leopoldina, der Nationalen Akademie für Wissenschaften, zu finden hier (ab Minute 26) bei DLF Nova Hörsaal. Hier findet man einen weiteren Vortrag von Lukas Radbruch mit einer Fülle an medizinischen und klinischen Informationen rund um das Thema Sterben, der Titel lautet: „Wie ein Arzt das Sterben erlebt“.

An dieser Stelle möchte ich aus psychodynamischer Sicht den Band „Forum der Psychoanalyse“ 35/2019 empfehlen: „Zur Psychoanalyse des Alterns und Sterbens“, mit Beiträgen von Michael Ermann, Jakob Müller/Cecilie Loetz und anderen, hier kann man das Editorial von Timo Storck lesen.

Forschung

„Wiederkehr der Kindheit?“ – ein Vortrag von Jakob Müller

Veröffentlicht am
®Edith Buchhalter 2007

Menschen in der Sterbephase als Gegenstand einer psychoanalytisch-empirischen Untersuchung – dies rief zwiespältige Gefühle in mir wach. Die Kombination von Empirie und Psychoanalyse ist eher selten, machte mich also neugierig, der Prozess des Sterbens aber ist ein Thema, um das man gerne einen großen Bogen macht. Psychologisch gesehen kann man beim Tod eines Menschen bestimmte seelische Bewältigungsmechanismen genau beobachten, es gibt Überaktivisimus, Distanzierung, Ratlosigkeit, scheiternde Sublimierungen, Technokratisierungstendenzen und vieles mehr. Aber in der Beschäftigung mit dem Thema rückt auch sehr nahe, dass das eigene Sterben unabänderlich ist, eine oft im Alltag verdrängte Tatsache.

Jakob Müller spricht zu diesem Thema in seinem hier empfohlenen Vortrag mit einer überzeugenden Mischung aus klarer Darstellung des wissenschaftlichen Bezugsrahmens (Bindungstheorie) und der empirischen Vorgehensweise (teilnehmende Untersuchung auf der palliativmedizinischen Station eines Krankenhauses) sowie einfühlsamer Einzelfallschilderung. Kindheit und Sterbephase werden von ihm in verschiedenen polaren Dimensionen miteinander verglichen, hinsichtlich Aktivität – Passivität, Vertikalität (wer steht oben, wer liegt unten?), Analität (Kontrolle der Ausscheidungen), Oralität (kann man sein Essen selbständig zu sich nehmen?), und Sauerstoffversorgung (Nabelschnur und Beatmungsgerät). Sehr interessiert hat mich dabei die dezidierte Aussage, die Sterbephase ähnele der Kindheit in zwei entscheidenden Aspekten: seelische Grundkonflikte werden virulent und dyadische Beziehungen treten in den Vordergrund. Der triangulierende Raum verschwinde immer mehr, so wie er umgekehrt in der Kindheit von Anfang an fortschreitend in der Entwicklung erobert und gestaltet werden musste.

Kindheit und Sterbephase auf diese Art und Weise zusammen zu sehen eröffnete neue Sichtweisen. Die Sterbephase als eine traumatische Situation reaktiviert früh erworbene Bindungsmuster, die ja gerade in unsicheren Situationen deutlich hervortreten. Bindungstheoretisches Wissen kann daher hilfreich sein, diese Bindungsstile zu erkennen und damit umzugehen. Ausgehend von der Hypothese der Zeitlosigkeit von Mustern und Strukturen werden frühere Schichten freigelegt, es kommt zu regressiven Verhaltensweisen. Aber es sind auch rückwirkend korrigierende Erfahrungen möglich, die frühen Erfahrungen werden womöglich anders erinnert und in den Beziehungen zu Angehörigen und Betreuenden können Veränderungen ausprobiert werden: Distanzierungen überwinden, Schwäche zeigen, eigene Bedürfnisse deutlicher äußern und anderes mehr.

Sehr lebendig werden all diese Erkenntnisse im Vortrag durch den mit viel Wärme und dennoch professioneller Distanz geschilderten Einzelfall, dem Sterbeprozess eines Mannes, dem gegen Ende seines Lebens durch die Gestaltung des Sterbeprozesses auf der Station neue Begegnungen mit nahestehenden Menschen ermöglicht wurde.

Die Beschäftigung mit Bindung in der Sterbephase machte mir auch eine ganz spezielle Paradoxie spürbar. Die Mutter stellt in der Kindheit ein Versprechen dar: ich mache etwas zu essen für dich, ich halte dich warm, ich bin da, auch wenn du mich nicht siehst und du kannst beruhigt einschlafen, denn morgen früh wachst du wieder auf. In der letzten Lebensphase ist es eine große Herausforderung, zu den Sterbenden eine versorgend-warme, haltende, vielleicht sogar neue Aspekte anbietende Beziehung aufzubauen in dem klaren Wissen, dass der Tag, an dem der Sterbende nicht mehr aufwachen wird, greifbar nahe ist.

Den Vortrag empfehle ich auch, da in der heutigen säkularisierten Kultur psychotherapeutisch Tätige oft mit Aufgaben betraut sind, die eher seelsorgerischer Natur sind. Man kann es daher gut gebrauchen, sich mit dem Thema Sterben beschäftigt zu haben, denn es ist in vielen Behandlungen ‚mit im Raum‘, sei es dass jemand schwer erkrankt, Eltern sterben, Todesfälle in der Lebensgeschichte eine Rolle spielen oder eine Berufstätigkeit in diesem Bereich besteht.

Dr. Jakob Müller ist Dipl.-Psychologe und Psychoanalytiker und sein Vortrag, basierend auf seiner Dissertation, wurde gehalten am 05.10.2019 im Rahmen der Herbstakademie der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft an der Universität Heidelberg. Er ist hier als Podcast zu hören und die Buchveröffentlichung zur Dissertation mit dem Titel „Bindung am Lebensende“ (2018) ist hier zu erwerben.