Filme und Serien

„Black Swan“ – ein Film von Darren Aronofsky

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©️Searchlight Pictures

Meine letzte Empfehlung an dieser Stelle galt einem filmischen Plädoyer für menschliche Bindungen als Basis für heilsame Veränderungen („Good Will Hunting“). Vielleicht geschah dies aus der pandemisch bedingten Situation heraus (November 2020, Lockdown light). Das Sars-2-Virus torpediert bekanntermaßen Kontakte unter Menschen, da es sich dadurch vermehrt und so für seine Wirte gefährlich wird, also vermissen wir alle das Miteinander und wünschen es uns zurück. Heute soll ein Film besprochen werden, der vor Augen führt, welches Gift sich in einem Menschen ausbreiten kann, wenn die prägenden Bindungen zu wenig Spielraum für eine eigenständige Entwicklung lassen.

Bei einer Filmanalyse ist für mich eine wesentliche Frage die, ob der Film in Inhalt und Form kongruent oder dissonant ist. Also ist der Film in Szenenaufbau, Montage, Text, Setting etc. so gestaltet, dass die Themen des Films analog ausgedrückt werden, oder entsteht eine Spannung durch Unterschiedlichkeit? Wenn die Netflix-Miniserie „Damengambit“ durch stilisiertes Produktionsdesign glänzt, so wird die Ödnis des Waisenhauslebens durch die Gegensätzlichkeit spürbar. Oder die schlammige Farbgebung und die spannungsreduzierte Musik im Film „Spotlight“ doppeln die Darstellung von nüchterner und mühsamer Journalistenarbeit. Auch die Wirkung eines Films im Erleben der Betrachter kann man bezüglich Kongruenz oder Dissonanz befragen, und das war für mich der Einstieg in die Empfehlung zu „Black Swan“. Meine auch beim dritten Anschauen wiederkehrende innere Ablehnung und Entwertung des Films war sehr hartnäckig: “Symbolhammerartige Verwendung von Schwarz und Weiß, Spiegelbilder, Doppelgänger, E.T.A. Hoffmann kann das besser etc..“ Bis ich bemerkte, dass sich unmittelbar Aspekte seines Themas in mir abgebildet hatten, insbesondere die hinter dem Perfektionsstreben der Hauptfigur liegenden Entwertungserlebnisse, die in mir durch Abwerten abgewehrt werden sollten. Der Film wurde auch von anderen als ein Sandwich angesehen, außen plakativer Horrorfilm, innen Analyse des Perfektionsstrebens. Und so kann er auf der ersten Ebene abgelehnt werden, um damit die zweite Ebene nicht zu spüren. 

Erzählt wird vom Aufstieg der jungen Balletttänzerin Nina (Natalie Portman), die die Hauptrolle in Tschaikowskis „Schwanensee“ bekommen hat und damit in eine Spirale von Leistung und Perfektion gerät, die das Malträtieren ihres Körpers im Tanzen, aber auch in Selbstverletzungen steigert. Ohne ihren Körper jemals erotisch erlebt zu haben, wird sie von der Mutter (Barbara Hershey) als ihren Besitz behandelt, mal als Babypuppe, mal als erfolgreiche Tochter, die die eigenen Erfolgswünsche als gescheiterte Tänzerin erfüllen muss. Der Choreograph Thomas (Vincent Cassel) fordert, sie solle sich aus ihrer Perfektion lösen, um die schwarzen, verführerischen Seiten der Rolle ausfüllen zu können, und die Mittänzerin Lily (Mila Kunis) wird dafür zum Vorbild, was sie für Nina begehrenswert, aber auch zum Neidobjekt macht. Nina verliert schrittweise den Bezug zur Wirklichkeit, den Anforderungen der Entwicklung zu einer erwachsenen Frau ist sie kaum gewachsen und in ihrem großen Auftritt bringt sie ihre schwarze Seite hervor, aber verletzt sich dabei selbst so sehr, dass am Ende sowohl ihr Tod als auch ihr Weiterleben möglich erscheinen. 

In „Black Swan“ wird mit den Methoden des Horrorgenres gearbeitet, es gibt Schreckmomente, Gänsehaut, Ekel, man sieht dunkle Schatten und sattes Blut, zweifelt an Identitäten und erkennt Teile der Filmhandlung als Halluzination. Es sind bekannte Schubladen, aber das Gesicht der Hauptfigur zeigt auch oft unvermittelt und authentisch das Innere eines Menschen, in dem die Sucht nach der Selbstquälerei am Körper mit dem Wunsch nach Lebendigkeit kämpft. Natalie Portman tanzte in ihrer Jugend, sie bereitete sich ein Jahr auf die Rolle vor und ihr Gesicht transportiert Erfolgsdruck, Hingabe, Sehnsüchte und Kindlichkeit, Verzweiflung und Lebenswillen, manchmal so intensiv, dass man irritiert ist und sich fragt, ob sie die Rolle verlassen hat.

Im Film gab es keine positive Identifizierungsangebote, keine Sympathieträger, keine tragfähige Hoffnung auf Weiterentwicklung, nur Beziehungen, in denen eigene Interessen durchgesetzt werden, nur Streben nach Perfektion und Abgleiten in Wahnsinn. Wenn es zu Selbstverletzungen bei seelischen Störungen kommt, so ist der Hintergrund oft, dass der eigene Körper als Ort für eine Auseinandersetzung herhalten muss, die anders nicht geführt werden kann. Die autoaggressiven Tendenzen zeigen die Wut gegen intrusive und/oder fehlende Bezugspersonen, die aber keine Ausdrucksformen innerhalb dieser Bindungen finden kann, sondern gegen das eigene Leben gerichtet wird. Freier werden kann die Entwicklung, wenn es zu einer reiferen erotischen Beziehung kommt, hier wartet im Film allerdings nur der mit seiner Primaballerina Erfolg suchende Choreograph, der seine ‚Objekte‘ gerne „meine kleine Prinzessin“ nennt. Ein Silberstreifen am Horizont ist Ninas Zweitbesetzung Lily, die feiert und genießt, wütend und mitfühlend sein kann und Freundschaftsangebote macht. Nina halluziniert gegen Ende des Films, dass sie Lily tötet, stößt aber sich selbst die Spiegelscherbe in den Bauch. Sie tötet die Lily in sich, damit sie ihr perfektes Ziel erreicht. Der Grundkonflikt zwischen lebendiger Anteilnahme und todesnaher Perfektion wird vom Regisseur am Ende nicht aufgelöst und läßt damit die Seele entweder resigniert oder kämpferisch fürs Leben zurück.

Wie immer fehlen in meinem Beitrag zu diesem Film einige Aspekte. So könnte man über die Rolle der Mutter diskutieren, die sicher psychologisch vereinfacht angelegt ist, ebenso über die Doppelgängerthematik und die Farbsymbolik des Films. Auch Rezensionen sind lesenswert, spiegeln sie doch die Breite der Wirkung eines Werks. Andreas Borcholte spürt im Spiegel die Intensität der Bilder, ordnet den Film in Aronofskys Werkreihe ein und konstatiert ein Verwischen zwischen Realität und Leinwandgeschehen, analog zu den im Film dargestellten Grenzverwischungen und für Rabea Weihser in der ZEIT ist es ein „Strumpfhosenthriller“, der von der Hauptdarstellerin gerettet wird.

„Black Swan“ (2010) von Darren Aronofsky kann man für wenig Geld bei medimops kaufen, Natalie Portman bekam für ihren Rolle den Golden Globe und den Oscar (und sie fand bei den Dreharbeiten ihren Ehemann).

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„Good Will Hunting“ – ein Film von Gus van Sant

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©️Miramax Pictures

Gestern hört ich beim Radfahren ein Interview mit Yuval Harari, dem Universalhistoriker und öffentlichen Intellektuellen. Er ist ein guter Wissenschaftskommunikator mit breitem Wissen, und ein bereichernder Begleiter, wenn auch als Vielredner manchmal anstrengend. Danach aber rumorte die im Interview aufgebrachte Frage nach dem Sinn des Lebens weiter in meinem Kopf. Religionen antworten darauf, mal mehr, mal weniger flexibel, und im aktuell weit verbreiteten Individualismus wird die Frage vielleicht wie eine Rollenfindung in einem Script behandelt: Wenn das Leben Hamlet spielt, bin ich dabei die Königin?

Wie aber würde ich eine Antwort geben, wenn ich gefragt würde? Gerne breche ich in meiner Arbeit als Psychotherapeutin solche Fragen herunter auf alltägliche Situationen. Ausgehend von dem, was mir der gegenübersitzende Mensch ohne großes Allgemeinwissen erzählen kann, frage ich weiter und weiter, höre darauf, welche Themen oder Spannungen darin zum Ausdruck kommen, was nicht explizit gesagt wird, was man befragen sollte und was man vielleicht ein wenig anders sehen oder machen kann. Was aber in meiner Arbeit dabei umfassend und grundsätzlich sinngebend wirkt, ist die gemeinsam gestaltete, reale menschliche Beziehung. 

Der Mensch wird geboren, ohne alleine überleben zu können, er ist lange auf anderer seiner Art angewiesen und könnte nicht überleben, würde er nicht eine dyadische Beziehung eingehen. Eine Beziehung, in der er sich als abhängig erlebt, aber auch als getragen und unterstützt und er kann diese Beziehung innerhalb seiner Möglichkeiten in einer Entwicklung gestalten. Auf andere angewiesen zu sein ist eine Urerfahrung, die ein Einzelwesen tiefgründig prägt und mit der sich dieses sein Leben lang auseinander setzt. 

Es gibt viele Filme, die das Zusammenkommen zwischen zwei Menschen explizit thematisieren und in einigen geht es dabei auch um die Behandlung einer seelischen Störung. Im Film „The King`s Speech“ z.B. wird die erfolgreiche Behandlung des Stotterns des englischen Königs Georg VI durch einen australischen Sprechtherapeuten beschrieben, die nicht unwesentlich auf der besonderen Beziehung der beiden beruht. Der hier empfohlene Film „Good Will Hunting“ (1997) ist allerdings doppelt gut für das Thema geeignet, denn es geht um die frühe Bindungsstörung eines jungen Mannes, die im Erwachsenenalter mit Hilfe einer Bindung behandelt wird. 

In dem insgesamt eher herkömmlich inszenierten Film geht es um den jungen Hilfsarbeiter Will (Matt Damon), der als Waise in einem Freundeskreis eine feste Stütze gefunden hat, aber auch oft Probleme hat, seine Gewaltausbrüche in den Griff zu bekommen. Seine mathematische Spezialbegabung zeigt er in einer Eliteuniversität, indem er nachts auf dem Flur mathematische Probleme löst. Er wird entdeckt und von einer drohenden Haftstrafe entbunden, wenn er sich sowohl mit einem Matheprofessor als auch mit einem Psychotherapeuten regelmäßig trifft. Eine Entwicklung wird in Gang gesetzt, in der es um den Aufbau von Beziehungen geht, parallel gezeigt in mehreren Zweierkonstellationen. Zentral ist dabei die Arbeit des Psychologen Sean McGuire (Robin Williams), der sich auf einen intensiven Austausch mit Will einlässt. Beide gestalten diese Begegnungen mit vielen Preisgaben, aber auch mit seelischem Gewinn. Der Psychologe lässt Will oft an seinem inneren Weg teilhaben und gerade das bewirkt Veränderungen. Parallel dazu erlebt Will seine erste Liebesbeziehung und gerät dabei in die Themen Annäherung, Vertrauen, Abhängigkeit und Angst vor Verlassenwerden. 

In Wills ersten Treffen mit Sean macht dieser alles richtig um den Kontakt zu Will herzustellen (ruhige Grundstimmung, keine starken Affekte zeigen, Gemeinsamkeiten suchen, auf Themen des Patienten eingehen, keine Ironie verwenden). Will aber ist von Anfang an nicht in der Lage sich zu öffnen und sucht nun in Seans Zimmer nach Ansatzpunkten, um das Gespräch auf diesen zu lenken und ihn zu beeinflussen, eventuell um wieder, wie schon bei den Kollegen, weggeschickt zu werden. Über ein von Sean gemaltes Bild rekonstruiert Will klug interpretierend dessen Einsamkeit und Trauer und wirft ihm daraus abgeleitet Deutungen an den Kopf, immer weiter, bis er am Ende sagt, er habe die falsche Frau geheiratet, sie habe ihn wohl mit jemandem betrogen. Sean kann sehr lange diese verbalen Schläge professionell abfedern, schließlich aber würgt und bedroht er Will. Beide werden in Nahaufnahme gezeigt, mit wütend-leeren Gesichtern, der Kontakt ist entgleist und es kommt zu einem Zusammenbruch der Beziehung. Der Film zeigt danach noch den Wechsel von Wut in Traurigkeit in Seans Gesicht und es wird ausgesprochen, dass er ihn weiterbehandeln wird.

Will kommt zum nächsten Termin wieder und Sean macht etwas Bemerkenswertes. Er erzählt ihm, wie er selbst mit Wills Verletzungen umgegangen ist, dass er lange nicht schlafen konnte, aber irgendwann verstanden habe, dass Will nicht wisse was in ihm, Sean, vorgehe, da er seine Lebenserfahrung nur aus Büchern erworben habe, und kaum eigene Erfahrungen über Liebe, Bindung und große Nähe zu einer Frau habe. Und entsprechend wisse er selbst auch nicht, wie es für Will gewesen sei, als Waise aufzuwachsen, nur weil er mal Oliver Twist gelesen habe. Im Grunde hält er einen Vortrag zum Thema Einfühlung, und dass er selbst nicht wissen könne, was in Will vorgehe, wenn dieser es nicht wagt, etwas von sich zu erzählen. Es ist ein Weg, Will zu zeigen, wie man mit einer großen Komplikation in einer Beziehung umgehen kann, und wie es danach weitergehen kann, z.B. mit Verstehen-Wollen und mit einem Gesprächsangebot. Im weiteren Verlauf der Gespräche werden Themen wie Bindungsangst, Schuldzuschreibung und Umgang mit Traumatisierung behandelt, auch Trennungen bekommen ihren Raum, aber immer innerhalb der gemeinsam gestalteten Beziehung.

Die anderen Zweierkonstellationen des Films sind Varianten zum Thema menschliche Bindungen und was diese aushalten können. Wills bester Freund Chuckie (Ben Affleck) gibt ihm Halt und Beständigkeit, aber er wünscht sich auch, dass Will mehr aus sich und seinem Talent mache, und als er Will davon erzählt, kann dieser sich damit leichter lösen. Das Mädchen, in das sich Will verliebt (Minnie Driver), begegnet ihm auf seinem Terrain, scherzt mit seinen Freunden und geht mit ihm zum Hunderennen, aber sie will auch mehr, fragt nach seiner Familie, will ihn besser kennenlernen und fordert, dass er weitere Schritte in die Intimität mit ihr mache. Gerry (Stellan Skarsgard) als Seans Studienfreund hat mehr Ehrgeiz als dieser, aber er konnte seinem Freund in der Trauer nicht beistehen, ihre unterschiedlichen Charaktereigenschaften werden deutlich, aber sie können am Ende damit leben.

Der Film endet mit großen Wagnissen, sowohl Sean als auch Will machen sich auf eine Reise mit offenem Ausgang, Sean möchte aus seinem selbstgebauten seelischen Gefängnis herauskommen, Will sucht sein geliebtes Mädchen. Im November 2020, aber auch zu anderen Zeiten kann man Filme sehr genießen, in denen der Mehrwert menschlicher Bindungen und Kontakte bebildert wird und man im Miterleben einer Geschichte sich deutlich machen kann, dass der Mensch im Tiefsten ein soziales Wesen ist.

Wer etwas zur Bindungstheorie lesen möchte, dem sei Peter Fonagy (z.B. „Bindungstheorie und Psychoanalyse“) empfohlen, aber man findet dieses Thema in allen modernen psychotherapeutischen Konzepten. Intersubjektive oder relationale psychodynamische Behandlungskonzepte greifen die hier angesprochene Vorgehensweise auf, das Innere des Behandelnden zur Verfügung zu stellen und nicht in einer unbeweglichen Abstinenzauffassung stecken zu bleiben. Zur Diagnostik: Die Darstellung der Hauptperson entspricht nicht einer Asperger-Symptomatik, es ist eher eine  spätadoleszenten Identitätskrise bei frühkindlicher Bindungsstörung mit mathematischer Hochbegabung. 

„Good Will Hunting“ (1997) von Gus van Sant nach einem Drehbuch von Ben Affleck und Matt Damon ist zu finden z.B. bei Amazon Prime, ebenfalls empfehlen möchte ich „The Kings Speech“ (2010) von Tom Hooper, Colin Firth als englischer König und Geoffrey Rush als Therapeut. Yuval Hurari sprach im ZEIT- Podcast „Alles Gesagt“ sehr ausführlich zum Thema „What is the Meaning of Life?“ mit Christoph Amend und Jochen Wegner. 

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„La Mala Educación“ – ein Film von Pedro Almodovar

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©️El Deseo 2004

Kann man das Thema Missbrauch von Kindern durch katholische Priester in einem Film angemessen darstellen? Kann ein Film Zuschauern dieses Phänomen näherbringen, in all seiner Brisanz? Ein durchaus gelungener Versuch dazu ist Pedro Almodovars „La Mala Educación“, der mit Hilfe von verschachtelten Zeitebenen und irritierender Auflösung von Identitäten und Erinnerungen die Wirkung von Missbrauch in der Kindheit filmisch verarbeitet.

Erzählt wird die Geschichte von Ignacio, der im Internat von seinem Lehrer, Pater Manolo, sexuell missbraucht wird. Einige Jahre später, transgender lebend und drogenabhängig, erpresst er den inzwischen verheirateten Pater, um seine Situation zu verändern. Er wird von ihm getötet, da dieser Ignacios jüngeren Bruder Juan begehrt, der wiederum Pater Manolo für den Mord an seinem Bruder benutzt hat. Juan wiederum sucht einige Jahre später den Regisseur Enrique auf, einen Freund Ignacios, der damals aus dem Internat geworfen wurde, obwohl Ignacio, begehrt von Pater Manolo, seinen Körper zur Verfügung stellte, damit Enrique bleiben konnte. Juan möchte Schauspieler werden und bietet Enrique – sich als Ignacio ausgebend – dessen Erzählung „Der Besuch“ an, die Ignacios Geschichte erzählt. Enrique dreht den Film mit ihm und geht eine sexuelle Beziehung mit ihm ein, wissend, das es Juan ist und nicht Ignacio, Juan wiederum weiß, dass Enrique seine wahre Identität kennt. Nach dem Dreh der letzten Szene (der Mord an Ignacio) erscheint der Pater und erzählt Enrique von dem gemeinsamen realen Mord an Ignacio, woraufhin dieser Juan aus seinem Leben wirft. 

Was sich wie eine verwickelte Kriminalgeschichte liest, ist im Film manchmal anrührend und betroffen machend, manchmal plakativ und farbenfroh, manchmal aber auch messerscharf sezierend, wenn es um die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit geht. Der Film verweigert sich dem direkten Verständnis, zumal mit Doppelbesetzung gearbeitet wird, mit Film im Film und Erzählung im Film, mit Andeutungen, verschwimmenden Erinnerungen und schwelgenden, überzeichnet wirkenden Szenen. Allmählich erst bekommt man einen Faden in die Hand, man wendet sich den Schicksalen der Beteiligten zu, entwickelt Sympathien und Betroffenheiten, nur um dann wieder zu spüren, dass sich wenig intime Nähe zwischen den Beteiligten einstellt, dass Beziehungen dazu dienen, die eigenen Ziele und Begehrlichkeiten durchzusetzen und dass sich viele Szenen schön, aber leer anfühlen.

Dabei ist der emotionale Kern des Films weder die Schuldfrage, noch die Verurteilung der katholischen Kirche oder womöglich eine autobiographische Aufarbeitung. Es ist die berührende Frage: Wie überlebt man es, von einem Erwachsenen zum Objekt des Begehrens gemacht worden zu sein? Der Film zeigt die ganze Bandbreite der Toxizität von benutzenden Beziehungen: wie sich Ignacio abhängig macht von seinen körperlichen Bedingungen, wie er sich in der Sucht selbst zerstört, wie er sich durch das Aufschreiben seiner Geschichte befreien kann und doch wieder durch das eigene Erpressen in einen Teufelskreis gerät. Wie sich der jüngere Bruder Juan missbraucht fühlt von Ignacios Problemen, ihn aber auch imitiert (eine Vaterfigur scheint zu fehlen) und andere Menschen noch konsequenter als Ignacio für seine Zwecke benutzt, den Pater zum Mörder macht und Enrique zum Regisseur seines Erfolgsfilms. Wie der Pater unbeirrbar sein Beziehungsmodell von abhängiger und zugleich dominierender Lust auslebt, nicht gestoppt werden kann, in Gang gesetzte Veränderungen sich nicht aneignet und damit weiter auf seiner toxischen Linie bleibt. Wie sich Enrique als Regisseur zwar produktiv betätigt, aber aus der unschuldigen Schuld, dass sich Ignacio für ihn geopfert hat, nicht befreien kann. Und wie Enrique Juan benutzt für sein „Zerschneiden“, sein neugieriges Sezieren und filmisches Montieren von Menschen und Gefühlen, und ihn am Ende fallen läßt.

Aber auch Nicht-Toxisches spielt eine große Rolle. Das Kino bietet sich als ein Gegenentwurf zur Kirche an, es zieht einen in den Bann, bietet Versammlungsrituale, stellt menschliche Verwirrungen und Dramen dar, kurzum es ist ein magischer Ort – und für Enrique sogar ein schöpferischer. Dazu lädt viel Sorgfalt und schwelgerische Lust in der Ausstattung der einzelnen Szenen zum Genießen ein, und die sanfte, liebevoll-erotische Darstellung von Juan-Ignacio-Zahara lässt Respekt und Zuneigung spüren. Es ist als gebe der Film kleine atmosphärische und szenische Hinweise, wie man den kindlichen Missbrauch ohne manipulative oder tödlich endende Beziehungen überleben kann.

Erlebter Missbrauch setzt in der Seele ganz bestimmte Abwehrmechanismen in Gang, die auch im Film zu sehen sind: Erinnerungen verlieren sich, werden aufgeladen, überblendet, verdrängt und geleugnet. Zuschauend ist man irritiert, was Realität, Film, Erinnerung oder Phantasie ist, und erlebt so das, was womit viele Opfer zu kämpfen haben. Sowohl inhaltlich (manipulative Beziehungen) als auch formal (Dissoziationen, Leugnen, Derealisationsphänomene) bildet der Film Aspekte des Themas nach einschließlich der Möglichkeiten des Auswegs in Kreativität und Sanftheit.

Es sei kein autobiographischer Film, meint der Regisseur Almodovar, auch die Kritik an der katholischen Kirche sei kein zentrales Thema, und die Sexualität des Täters, ein Pater und Lehrer eines Knabeninternats, werde nicht verurteilt. Diese Haltung des Regisseurs merkt man dem Film an und sie macht den Zugang leichter. Die intensiven Bilder, die Almodovar findet, führen aber auch bei Kritikern zu bemerkenswert unreflektierten Äußerungen, wie bei Fritz Göttler, der 2010 in seiner Besprechung das Muster des unschuldigen Verführers (der Knabe Ignacio) bemüht, das endgültig nicht mehr herangezogen werden sollte zum Verstehen von Kindesmissbrauch.

„La Mala Educación“ (2004) findet man bei Amazon, Fritz Göttler problematische Besprechung In der Süddeutschen Zeitung, lesenswert ist auch der Beitrag zum Film im Blog „Talkingaboutsexualtrauma“ sowie Oliver Hüttmanns begeisterte und ausführliche Rezension von 2004 im Spiegel. Er räumt zwar dem Missbrauch nicht viel Raum ein, aber die vielen Ebenen des Films werden genau nachgezeichnet und mit der Metapher der „schwarzen Rose mit sinnlichem und verstörenden Duft“ treffend zusammengefasst.

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„Shame“ – ein Film von Steve McQueen

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© See Saw Films 2011

Für seinen zweiten Spielfilm „Shame“ hat Steve McQueen, ein anerkannter britischer Künstler (u.a. Turner Prize), sexsüchtige Männer befragt und diese Erfahrung in eine dichte filmische Studie transformiert. Erzählt wird von einem von sexuellen Lüsten getriebenen Mann, Brandon, attraktiv und erfolgreich, aber ohne erfüllende Liebesbeziehung. Unter seinem kühlen Netz an Kontrollmaßnahmen wie Sauberkeit, Ordnung, Erfolg, manipulierendes Verhalten im Job, Fernhalten der Schwester und sexueller Befriedigung durch Geld/Macht spürt man im Laufe des Films immer mehr die dahinter liegende Verzweiflung. Parallel und kontrastierend wird gezeigt, wie seine Schwester Sissy bei gleichen familiären Bedingungen einen anderen Weg genommen hat. Aus ihrer ständig schwelenden Sehnsucht heraus geht sie schnell Bindungen ein, gerät dabei oft an Männer, die ihr schaden und kann sich nur sehr schwer und quälend daraus lösen. Sissy taucht im Leben ihres Bruders auf und erschüttert seine massive Abwehr gegen jegliche Offenheit und gegenseitige Abhängigkeit. Sie braucht ihn und zeigt dies sehr deutlich, er fühlt sich ihr im Inneren verbunden und möchte aus seinem Bewältigungssystem ausbrechen. Dies gelingt ihm zwar nicht, in seinem Scheitern aber entsteht die Chance, in einen tieferen Kontakt zu ihr und anderen Menschen zu treten.

Verdichtet zeigt die Szene in der Bar die unterschiedlichen Lebens- und Bewältigungweisen der Geschwister.. Als Sissy eine gedehnte und sensible Interpretation von „New York, New York“ singt, voller Vereinigungswünsche, kann man in Brandons Gesicht undeutlich eine Träne entdecken. Als sein Begleiter dies bemerkt und in Worte fasst, wehrt Brandon ab und bald darauf wirft er Sissy aus seiner Wohnung, als sie mit seinem Chef ins Bett geht. Man könnte meinen, seine Abwehr von Mitempfinden sei gelungen, aber bald darauf verabredet er sich mit einer Kollegin zu einem Restaurantbesuch, ein Versuch, sich einem Liebesobjekt auf eine andere Art zu nähern als bisher von ihm praktiziert.

In der anderen wichtigen Szene, nach einer obsessiven Reise durch nächtliches sexuelles Ausleben, kämpft Brandon sich zu einem Orgasmus. Es wird nur sein Gesicht gezeigt, auf dem sich Angst, Verzweiflung, Fragen und krampfhaftes Weglaufen-Wollen mischen. Die Augen blicken direkt in die Kamera und der Zuschauer schwankt zwischen Abscheu , Faszination und Mitfühlen. Als die Kamera sich langsam bewegt und Brandons Blick der Kamera folgt, entsteht ein kurzer Moment des Gesehenwerdens vom Protagonisten, ein Wechsel der Positionen, ein Durchbrechen der vierten Wand, wodurch der Schmerz auch für den Zuschauer körperlich erfahrbar wird. In der Folge rettet Brandons seine Schwester nach einem Suizidversuch in seiner Wohnung, eine Annäherung erscheint möglich.

Steve McQueens Film spielt oft auf andere Filme an und er wählt akzentuierte, manchmal manieriert wirkende Farbgestaltung. Das künstlerische Hauptthema ist der Kontrast zweier Ebenen: Lieben und Darüberreden, oder anders gesagt komplexe, destruktive Beziehungsmuster und gesprochene, Kommunikation ermöglichende Worte. Sexuelle Handlungen, Besessenheiten, Kontrolle, Zwang und Selbstverletzung werden auf untergründige Zusammenhänge hin zerlegt. Zutage tritt, dass man eigene und die Wünsche anderer nicht völlig kontrollieren kann, also die leidvolle Erfahrung des Verfehlens von Perfektion. Oder dass totale Unabhängigkeit auf dem Feld der menschlichen Beziehungen Verluste mit sich bringt, andersherum dass Nähe mit Abhängigkeit einhergeht. Zuschreibungen, wann etwas krank ist und wann nicht, werden hier hinterfragt und es gibt auch keine ätiologische Sichtweise, also keine Angebote, wie man aus der Kindheit heraus verstehen könnte, wie sich die beiden Hauptpersonen entwickelt haben. Aus der Lebensgeschichte gibt es nur zwei Informationen: New Jersey, und Sissys Satz: We’re not bad people, we just come from a bad place.

Das im Film behandelte Thema ist schwer und schambesetzt. Dies könnte ein Grund sein für die manchmal artifziell anmutende Gestaltung des Films. Es gibt Wortbilder wie in der Szene mit der Prostituierten, die den „hook“ ihres BHs nicht schließen kann, Brandon bietet Hilfe an, und sie sagt: „It’s just the hook“, oder auch Verwendung von Spiegelungen, Verschachteln von Zeitebenen, deutliche Kalt-Warm-Farbgestaltung, Zweidrittelung der Einstellungen und ein unscharfer Kinder-Animationsfilm im Hintergrund. Künstlich wirkende Formen können erlebtermaßen rettend sein, sie zerspringen nicht, lösen sich nicht auf und werden nicht allzu hässlich. Ebenso sind filmische Zitate Haltepunkte in dem seelischen Strudel zwischen obsessiver Machtausübung und Kontrollverlust: die Goldbergvariationen verweisen auf Hannibal Lecter, die nächtlichen Fenster auf Hitchcocks Film „The Rear Window“, Brandons Appartement auf „American Psycho“und sein nächtliches Joggen auf Dustin Hoffmann in „Marathon Man“.

Selbstreflektion bezüglich des Themas lässt sich ebenfalls finden, so wenn Sprechen und Worte explizit thematisiert werden. Brandon datet Marianne in einem Restaurant, der Kellner taucht auf und bespricht die Bestellung, die beiden aber müssen aber erst einmal ihre Worte finden. Begleitet wird dies von untergründiger Erregung, Zögern, Hoffen, Amüsiertheit und vorsichtigem Öffnen. Worte sind belanglos, der Kellner und das Paar sagen das, was man halt so sagt, darunter aber spürt man Spannungen, das Eigentliche, der Tanz des Annäherns. Ähnliches findet sich in dem Gespräch zwischen Brandon und Sissy, in dem er darüber spricht, wie sie Männerbeziehungen gestaltet und ihr aufzeigt, wie sie ihn manipulieren möchte, sie aber glaubhaft dagegen spricht. „Es wäre doch traurig, wenn du nichts mehr von mir hörst“, sagt sie, zugleich aber ist die Andeutung ihrer vollständigen Abwesenheit wieder ein Versuch ihn zu beeinflussen.

Zusammengefasst ist der Film eine intensive Fallstudie, klinisch gesehen geht es um abhängige/zwanghafte/emotional instabile Persönlichkeitsstrukturanteile, gesteigertes sexuelles Verlangen, Kontrolle/Abhängigkeit und Verwobenheit von Nähe und Abhängigkeit.

„Shame“, 2011, kann man bei Netflix streamen, bei Amazon findet man: „Marathon Man“, John Schlesinger 1976, „The Silence of the Lambs“, Jonathan Demme, 1991, „Rear Window“, Alfred Hitchcock, 1954, „American Psycho“, Mary Harron, 2000

Andreas Kilb in seiner Rezension hätte gerne mehr Erklärungen, Katja Nicodemus dagegen spürt die Verzweiflung.

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„Under the Skin“ – ein Film von Jonathan Glazer

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© wildbunch 2014

Einige Kritiker meinten 2013, dieser Film könne ein Kultfilm werden, da er den Zuschauer mit mehr offenen Fragen zurücklasse als andere Filme. Ein solcher Effekt entsteht ja, wenn man beim Sehen des Films mehrere Geschichten entwickeln kann, in die das Geschehen hineinpasst, aber nie eine endgültige Bestätigung für eine Version erhält. Zusammen mit der durch spezielle filmische Mittel erreichten, traumhaft-surrealen Atmosphäre ist damit Jonathan Glazers Film recht gut charakterisiert.

In der Handlung geht es um eine unberührt wirkende, namenlose Frau (Scarlett Johannsen), die sich in einem Lieferwagen durch Randzonen einer Großstadt bewegt und Männern auf eine dokumentarisch-nüchterne Art beobachtet, wie sie sich bewegen, was sie sagen, wie sie mit ihr ins Gespräch kommen. Mit der Aussicht auf Sex lockt sie einige Männer in ein leerstehendes Haus, wo sie in einer schwarzen gestaltlosen Masse versinken, irgendwann ruckartig ihr Körperinneres verlieren und als tanzende Hauthülle dort verbleiben. Nach der Begegnung mit dem ersten Mann, den sie nach der Nacht wieder aus dem Haus läßt, verändert sich das Schema, die Frau begibt sich in die Welt hinaus und landet schließlich bei einem vorsichtigen und eher sanften Mann in dessen Haus. Nach einer Nacht mit ihm läuft sie in den Wald und wird nach einer versuchten Vergewaltigung von einem Waldarbeiter durch Verbrennen getötet.

Dies könnte eine Science-Fiction-Horror-Geschichte sein, denn die Frau hat die äußere Hülle einer menschlichen Frau verwendet und entpuppt sich am Ende als schwarzes Alien-Wesen. Aber die entsprechenden Filmmuster fehlen, es gibt kein Geschrei, keine entsprechende Musik, kein Erschrecken, Horror oder Blut. Die Straßenaufnahmen sind ungestellt, die Darsteller spielen entweder non-fiktional oder sie bewegen sich, wie die Hauptfigur und deren Helfer, maschinenhaft unbewegt durch das Geschehen, es gibt einige traumähnliche Sequenzen und der Filmsound ist eher experimentell.

Scarlett Johannsen spielt hier eine kühle und unempathische Frau, die zu Beginn dokumentarisch, manchmal leicht neugierig wahrnimmt, wie sich Menschen öffentlich bewegen und ihr gegenüber verhalten. In ihrem Haus nimmt sie den Männern, die mit ihr Sex wollen, das Innenleben und sie können nicht mehr in ihr eigenes Leben zurückkehren. Bei einem dieser Kontakte wird gezeigt, wie sie völlig unbeeindruckt ein schreiendes Kleinkind am Meer dem sicheren Tod überläßt. Versinnbildlicht wird dabei der aus manchen Störungsbildern bekannte innerseelische Zustand, dass es völlig fremd und unmöglich erscheint, sich in jemand anderes hinein zu versetzen, zu fühlen, was der andere fühlt oder wie das eigene Verhalten auf den anderen wirkt. Im Kontakt zu einer solchen Frau werden die Männer zu Hüllen ohne innere Regungen. Aber die Iris des menschlichen Auges als Metapher weist darauf hin, dass über das Sehen etwas ins Innere der Frau gelangt, sie lernt im Beobachten, durch Begegnungen, durch das Anfassen von Tieren und durch Blut auf ihrer Haut. Ein Wendepunkt ist das Zusammentreffen mit einem äußerlich stark entstellten jungen Mann, der noch nie eine Freundin hatte, also noch nie von einer Frau berührt wurde. Sie öffnet ihm nach der Nacht mit ihr die Tür des Hauses und er entkommt, eine Handlung, mit der ihr Schema sich zu ändern beginnt. Lieferwagen, Helfer, Haus läßt sie zurück und nähert sich einem Mann in einem Bus, der ihr fremde Beziehungsangebote macht: Essen, Trinken, Spazieren, Vorsicht und Fürsorge. Sie verbringen eine Nacht miteinander und als er in sie eindringen möchte, schaut sie sich neugierig verwundert ihre Vagina an – in ihrem Inneren scheint sich etwas zu bewegen.

Unberührbarkeit und die Unmöglichkeit sich in andere hinein zu versetzen werden in diesem Film vorgeführt und es deuten sich auch Wege an, wie eine Veränderung möglich ist. Allerdings zeigt das Ende der Geschichte, rückwärts betrachtet, was der Gewinn daran sein kann, unberührt durch die Welt zu gehen: Man beherrscht andere Menschen, da man selbst von diesen nicht verletzt werden kann, und manchmal kann man sich sogar das Innenleben der anderen aneignen. Beginnt man diesen Mechanismus zu befragen, ja sogar zu verändern, so fühlt man sich hilflos, man wird überwältigt, verfolgt. Die anderen können das eigene, fremde Innere sehen und mit völligem Unverständnis, Abwehr und Zerstörung reagieren.

Die passenden klinischen Begriffe sind Mentalisierungsfähigkeit, Affektspiegelung oder Alexithymie, aber sie sind keinesfalls deckungsgleich mit dem, was der Film zeigt. Besser als in jedem Lehrbuch allerdings wird hier spürbar gemacht, was ein Mangel an seelischem Innenleben bedeutet und wie schwer es ist, daran etwas zu verändern.

Under the Skin, GB 2013, Regie Jonathan Glazer kann man bei Amazon Prime leihen oder hier als DVD gebraucht kaufen, ein Interview mit dem Regisseur findet man hier.

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„Liberace“ – ein Film von Steven Soderbergh

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© DCM

Liberace war ein erfolgreicher US-amerikanischer Pianist und Entertainer der sechziger und siebziger Jahren, der unverkennbar homosexuell auftrat, seine eigene Homosexualität aber unter Androhung von Rechtsstreits verbarg. Dieses Vorgehen war für ihn eine Schutzdecke, seine sexuelle Identität öffentlich nicht zu benennen, aber deutlich homosexuell aufzutreten.

Soderberghs Film (nach realen Begebenheiten) entwickelt sich entlang der Liebesgeschichte zwischen Liberace und dem zu Beginn 18jährigen Scott, den er umgarnt, ins Vertrauen zieht, als Chauffeursfigur in seine Show einbaut, mit dem er lange lebt und den er am Ende gegen einen jüngeren Partner austauscht. Scott dagegen findet in Liberace eine Vaterfigur und etwas, das er niemals in seinem Leben hatte, eine großzügige und Geborgenheit gebende Familie. Dies ist lange Zeit ausreichend, um Liberaces Wünsche, ihm äußerlich immer ähnlicher zu werden, zu erfüllen.

Unmittelbar fasziniert hat mich die Doppelbödigkeit im Leben von Liberace, die auch im Film in vielen Szenen als Stilmittel verwendet wird. Wenn jemand sein eigenes Bild nach außen so kontrolliert, dass er seine sexuelle Orientierung versteckt, aber davon lebt, diese auf der Bühne zu zeigen, entsteht eine flirrende Beziehung zu sich selbst, ein changierendes Suchen danach, wer man ist und allzu oft auch ein Verlust der Sicherheit in sich selbst. Soderberghs Film von 2013 bildet dies in vielen Szenen ab, so wenn Liberace sich den jeweiligen neuen Partner anfangs so zeigt, wie es diesem gefällt, dabei aber unklar bleibt, was ernst gemeint und was Strategie ist. Oder wenn Liberaces heiter-verspielte Klaviermusik erklingt, während parallel verstörend reale Details von Schönheitsoperationen im Gesicht gezeigt werden. Liberace ist zu Beginn seiner Liebesbeziehungen ein Wunscherfüller, bald aber möchte er seine eigenen Wünsche erfüllt haben, die ganze Welt und auch seinen Partner zum exakten Ebenbild zu machen: Wenn die Welt mich nicht achtet, wie ich bin, so versuche ich die Welt um mich herum so zu verändern, dass sie mich spiegelt.

Das Leitmotiv der Spiegelbild-Suche wird anhand der Schönheitsoperationen, des Kleidungsstils und der Lebensgewohnheiten durchdekliniert. Ist es eine Suche danach, wer man selbst ist? Liberace steckt fest in dem Begehren, von anderen gespiegelt zu werden und Anerkennung zu bekommen für eine äußere Zurechtmachung, für eine Kunstfigur. Eine intensive Begegnung mit sich selbst und anderen wird gewünscht, aber verfehlt. Allerdings wirkt all dies nie ermüdend oder leer, denn es geht auch immer um Beständigkeit, Sicherheit und Anerkennung in einer dauerhaften Beziehung und so entstehen auch sehr berührende Filmmomente. Auch wird deutlich, aus welchen Konstellationen heraus die beteiligten Figuren die manchmal zerstörerischen Beziehungen miteinander aufbauen, so dass kein Voyeurismus geweckt wird oder Verachtung spürbar wird. Es ist eine fast fürsorgliche Darstellung einer Beziehung zwischen zwei Männern – vom grossartigen Anfang bis zum bitteren Ende.

Für die Verdeutlichung eines seelischen Störungsbildes ist der Film nicht geeignet, aber er zeigt den allgemeinen seelischen Mechanismus, jemandem eine ganz besondere Stellung zu geben, um die eigene Leere zu füllen und ihm nach dem Misslingen diesen Platz wieder zu nehmen. Soderberghs Film gelingt es, dies ohne Wertung oder Verurteilung in Bilder und Szenen zu bringen – vielleicht fand er deshalb keine Produktionsfirma in Hollywood und ging zu HBO. Und auch Michael Douglas und Matt Damon bekamen die Chance, in ihren Rollen ganz aufzugehen und als Hollywood-Stars zu verschwinden.

„Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ (2013) von Steven Soderbergh kann man für wenig Geld hier leihen oder hier kaufen.

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„Besser geht’s nicht“ – eine romantische Komödie mit Jack Nicholson

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©sony pictures home entertainment

Ein 20 Jahre alter Hollywoodfilm als Empfehlung in der Kategorie „Filme zu Störungsbildern“? Ja, die Darstellung der Nöte, Hindernisse und Beziehungsformen eines älteren Mannes mit einer Zwangsstörung ist sehr lebendig, und Jack Nicholson und Helen Hunt machen in ihren Rollen einfach Spaß.

Der wohlhabende Schriftsteller Melvin Udall ist gefangen und gleichzeitig geschützt in seinen stereotypen Gedanken und Handlungen, sich binden ist nur sehr versteckt möglich und Abfälligkeiten gegenüber anderen Menschen sind an der Tagesordnung. Durch eine Störung in seinen gewohnten Abläufen wird er gefordert, sich anderen Menschen zu öffnen, was zu einer ereignisreichen Autofahrt zu dritt führt, und letztendlich zu Kontakten zu anderen Menschen, die ein wenig mehr Nähe und Flexibilität ermöglichen.

Dialoge und kleine alltägliche Szenen lassen das Phänomen der Zwanghaftigkeit spürbar werden, ohne dass auf irgendeine Art erklärt wird, woher Melvin Udalls Probleme stammen. Erklärungen in Filmen führen oft eine hinderliche Meta-Ebene ein. Zu zeigen, wie sich die Lebenssituation dreier sehr unterschiedlicher Charaktere darstellt und wie sie sich in der Geschichte weiterentwickelt, das genügt hier.

Das Überraschende an dieser Komödie ist, dass die Abzweigung zum Klischee immer möglich ist, manchmal auch angedeutet wird, aber der Film oftmals die nicht perfekten Lösungen bevorzugt. Ein Mensch mit Zwangssymptomen wird diese nicht einfach aufgeben können, aber er kann sie besser kennenlernen. Und es ist auch manchmal möglich, in Beziehungen zu anderen Menschen zu versuchen, diese nicht nur zum Teilen und Herrschen zu nutzen. Entsprechend dem Genre wird dies besonders deutlich an einer Liebesbeziehung gezeigt, und romantische Gefühle kommen dabei nicht zu kurz. Aber es geht auch um Hunde, Nachbarn, Freunde und – last but not least – darum, wie man sich zu sich selbst und den Objekten der direkten Umgebung ‚in Beziehung setzt‘.

Regisseur des Films von 1997 ist James L. Brooks, Originaltitel „As Good as it Gets“, und derzeit kann man ihn bei Netflix finden.

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„Blue Jasmine“

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Edith Buchhalter 2011

Kennt man nicht Phasen im Leben, in denen man laut mit sich selbst spricht und die anderen um sich herum vergisst? Psychologisch gesehen könnte dies ein Weg sein, sich in einer Art Selbstfürsorge wieder aufzurichten und so aus einem Tief heraus zu kommen. Dies jedenfalls wünscht man in dem Film „Blue Jasmine“ (Woody Allen, 2013) der Hauptfigur und diese Hoffnung trägt das Filmerleben sehr lange Zeit. Neben natürlich der überragenden Schauspielerin Cate Blanchett, die der an ihrer verlorenen Fassade festhaltenden älteren Frau eine intensive und leere Traurigkeit gibt.

Jasmine hat ihren Reichtum, ihren seelenlosen Ehemann und ihre Wohnung an der Upper East Side von New York verschwinden sehen, sie ist gezwungen zur Schwester nach Florida zu ziehen, sich einen Job zu suchen und ihren Alltag selbst zu organisieren. Gezeigt wird dies als struktureller Zusammenbruch, als Verlust einer Außenhülle, die das einzig stabile Gerüst im Leben der Gattin eines reichen Betrügers war. Quälend ist die fortschreitende Verleugnung aller Angebote des realen Lebens, die Verdrängung von Erfahrungen, die Jasmine macht, der fortschreitende Rückzug in das blau-leere Innenleben. Der Film macht deutlich, wie schwer es ist, eine Anlehnung an Fassaden wie Ehemann, Reichtum u.a. aufzugeben. Sinnlichkeit, kompliziertere Bindungen, mittelmäßige Lebensformen, Versagungen, Alltagsanforderungen – in all dies kann Jasmine nur momentweise einsteigen. Der Sprung aus ihrer haltgebenden Hülle ist zu angstbesetzt, zu wenig erprobt, lieber wird der rote Faden der traurigen Gleichgültigkeit wieder aufgenommen. Am Ende ist sie gefangen in den Versuchen, die gefundene Lebensform zu wiederholen, also wieder einen reichen Ehemann zu finden. Man sieht, wie diese Methode leerläuft, Jasmine kann ihr Scheitern nicht nutzen und das Verleugnen setzt wieder ein.

Realitätsverlust, fassadere Persönlichkeit, abhängige Strukturanteile sind die diagnostischen Stichworte, aber Cate Blanchett macht aus Jasmine eine komplexe und überzeugende Film-Figur, die die ihre Probleme reichhaltiger deutlich macht als trockene Einordnungen. Es gibt Kritiken, die den Realitätsverlust der Protagonistin gespiegelt sehen in der künstlichen und stereotypen Darstellungsweise des Regisseurs. Dies mag sein, kann aber auch als eine Kongruenz von Inhalt und Form angesehen werden.

Blue Jasmine kann man auf Amazon Prime leihen oder als DVD kaufen z.B. hier

Eine Kritik aus der Süddeutschen Zeitung findet man hier.

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„Silver Linings“

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Edith Buchhalter 2019

Man kann zwar davon ausgehen, dass PsychotherapeutInnen Aspekte einiger Störungsbilder aus ihrem eigenen Alltag kennen. Wer aber weiß, wie sich der Alltag eines bipolar gestörten Mannes oder einer emotional instabilen Frau tatsächlich anfühlt? Filme können, gefasst in der Hülle eines Genres, viele Aspekte von Störungsbildern beim Anschauen erfahrbar machen. Sie können Störungen lebendig werden lassen, ohne dass man Intimitätsgrenzen eines Patienten oder einer Patientin überschreiten muss.

Ein Klassiker dafür ist der Film „Silver Linings“ von David O. Russell (2013), die Geschichte eines Mannes und einer Frau nach heftigen Lebenskrisen, die sie in eine Klinik und danach wieder in die Fürsorge ihrer Eltern gebracht haben. Genaue Beobachtungen der in Schwierigkeiten führenden Beziehungsmuster der beiden Hauptpersonen, ihrer Selbst- und Fremdbehandlungsversuche, ihrer Rückfälle und ihrer Kämpfe mit dem sozialen Umfeld wechseln sich ab mit den vertrauten und entlastenden Schemata einer romantischen Komödie. Insbesondere die notwendige Rückkehr ins Elternhaus lädt zu witzigen Wendungen ein, zu denen Robert de Niro als Vater wesentlich beiträgt, die Reinszenierungen der elterlichen Beziehungen lassen aber auch etwas von der Pathogenese spüren, ohne ins Erklären abzugleiten.

Das gemeinsame Einüben eines Paartanzes trägt wesentlich zum Heilungsprozess bei. Auch das eine bekannte Formel, aber der Prozess wird ausführlich und liebevoll dargestellt, gezeigt wird dabei sowohl das Eingehen einer Arbeitsbeziehung, das Errichten eines haltgebenden Rahmens, das Einhalten von Regeln und das Durchbeißen bei Rückschlägen, alles auch Charakteristika des Behandlungsprozesses von seelischen Störungen.

Hauptdarsteller sind Jennifer Lawrence und Bradley Cooper und man findet den Film bei Amazon Prime oder als DVD, gebraucht zum Beispiel hier.

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„Unbelievable“ – eine Netflix Serie über Vergewaltigungen

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Edith Buchhalter 2004

„Unbelievable“ ist die erste Serie seit längerer Zeit, die mich nicht losließ, bis ich sie zu Ende geschaut hatte. Dieser Effekt hängt unter anderem damit zusammen, dass mein professionelles Interesse als Psychotherapeutin geweckt wurde. Bei Filmen und Serien über sexuelle Gewalttaten entsteht bei mir immer die Frage, ob das Geschehen angemessen und differenziert dargestellt wird, was leider oft nicht der Fall ist. Hier aber werden überzeugend, ausführlich, manchmal schmerzhaft genau die Folgen von Vergewaltigungen als ein ganzes System von Wirkungen spürbar gemacht. Dazu gehören die Unentrinnbarkeit der Situation, von einem Mann in der eigenen Wohnung zu sexuellen (und anderen) Handlungen gezwungen zu werden, die Flashbacks derer, die dies erlebt haben, die Hilflosigkeit der Angehörigen und Ärzte, das Gefangensein der Ermittler in ihrem Arbeitsumfeld und in ihren Prägungen und die toxische Auswirkung auf die gesamte Lebensgestaltung der betroffenen Frauen. Alles wird ruhig und zugleich aufwühlend erzählt und eröffnet so die Möglichkeit, in das Erleben aller Beteiligten einzutauchen und die Komplexität der Wirklichkeit rund um eine solche Tat erfahrbar zu machen.

Vielleicht ist ein Baustein für die beschriebene Wirkung, dass die Serie auf einer preisgekrönten Reportage beruht und dieser reale Hintergrund fast genau übernommen wird. Wichtiger aber scheint mir zu sein, dass die Serie weitestgehend auf die Tätersicht verzichtet, sie taucht weder in Kameraführung noch in Motivationserzählungen auf. Damit kommt man einem psychotherapeutischen Standpunkt recht nahe, denn eine Behandlung eines solchen Traumas verlangt, der Patientin (es sind meist Frauen) konsequent zur Seite zu stehen und dem Täter nur so weit in den Behandlungsprozess Einlass zu gewähren, wie es stabil (für beide Seiten) aushaltbar ist. Die Serie geht sogar so weit, dass die Körper der Frauen nur ausschnittweise in Fotos oder in den Flashbacks zu sehen sind, der Täter aber, als er sich in der Haft untersuchen lassen muss, quälend lange vollständig nackt zu sehen ist.

Lange im Kopf bleiben auch die beiden Ermittlerinnen, eine Anfängerin, gläubige Christin und Mutter mit einer eher sanfter Herangehensweise und eine härtere und erfahrene Polizistin mit Beziehungsproblemen. Sie zeigen unterschiedliche Weisen des Umgangs mit den vergewaltigten Frauen, den Verdächtigen, dem sozialen Umfeld und dem Täter. Damit wird ein Spektrum eröffnet an Wut, Einfühlung, Sanftheit, Betroffenheit, Herumwühlen, Hilflosigkeit und Gewalt und nichts davon wird als die einzig wahre Vorgehensweise hervorgehoben – eine Erfahrung, die das Blickfeld erweitert und das psychotherapeutische Handeln bereichern kann.

Die Serie kann man derzeit bei Netflix (Trailer hier) streamen (monatliche Kündigungsfrist) und die Reportage dazu ist hier zu finden.