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„Spotlight“ – ein Film von Tom McCarthy

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©WebediaShowtimesFeed

Unter der Überschrift “Kirche ließ jahrelang Missbrauch durch Priester zu“ veröffentlichte die US-amerikanische Lokalzeitung „The Boston Globe“ 2002 die Ergebnisse des investigativen Rechercheteams „Spotlight“. Ausgehend von der Missbrauchsanklage gegen einen Priester, wurden Hunderte ähnlicher Fälle und deren Vertuschung durch die Institution Kirche aufgedeckt. 2003 erhielt das Team dafür den Pulitzerpreis, und die Arbeit war ein wichtiger Schritt im weltweiten Aufarbeitungsprozess dieser Vorgänge in der katholischen Kirche.

Nicht die Leiden der Opfer von Missbrauch durch katholische Priester stehen im Vordergrund des Films „Spotlight“ (2015) von Tom McCarthy, sondern die Recherche dieses Journalistenteams, wodurch die systematische Vertuschung von Missbrauch im Erzbistum Boston aufgedeckt wurde.

Oft hervorgehoben wurde die unaufgeregte Erzählweise des Films, der Verzicht auf Melodramatik und herkömmliche Spannungsschemata sowie die Realitätstreue. Aber er ist kein trockener Dokumentarfilm, er folgt einem inneren Aufbau und nimmt den Zuschauer emotional mit. Man sucht nach Helden, Feinden, Kämpfen und Siegen, denn damit könnte man sich dieses Thema aneignen. Anfangs findet man diese, aber bald verliert man das bekannte Heldenmuster wieder. Die Protagonisten sind Angestellte, Töchter, Familienväter, ehrgeizig, korrupt – und sie bleiben es auch. Ohne große Siege und Niederlagen.

Neben der Auflösung des Heldenschemas arbeitet der Film mit einer kontrastierenden Abwechslung zweier Annäherungen an die Missbrauchs-Ereignisse. Langweiliges Vorwärtsarbeiten, mühevolles Aktenwälzen und Zustandebringen von Interviews steht auf der einen Seite, andererseits gibt es die wie spitze Pfeile wirkenden affektiven Einbrüche des Themas in das Privatleben der Journalisten. Tiefe Berührung entsteht, wenn Sasha ihre geliebte und tief gläubige Großmutter nicht mehr in die Kirche begleiten kann und ihr später den publizierten Artikel vorlegt, obwohl er die Basis ihres Glaubens anzweifeln wird. Oder wenn Matt ein Behandlungszentrum für missbrauchende Priester in seiner Nachbarschaft entdeckt, an seinem Kühlschrank einen Warnzettel für seine Kinder anbringt, aber den Nachbarn wegen der lange geheimen journalistischen Arbeit zunächst nichts sagen darf. Oder wenn Michael endlich laut wird im einzigen impulsiven Ausbruch des Films und das Ergebnis der Recherche herausschreit: Alle haben es gedeckt! 

Was kann bei diesem Thema heilsam sein? Der neue Chefredakteur Marty Baron kommt nicht aus Boston, ist kein Katholik und kann vielleicht gerade dadurch die Untersuchung anstoßen und sein Team nach dem innewohnenden System fragen lassen. Im Laufe der Recherche schauen auch die Teammitglieder mit anderen Augen auf ihre eigenen Freunde und Bekannte, Nachbarn, Sportvereine, ja auf die ganze Stadt. Nicht alle diese Prozesse enden destruktiv, die Standpunkte verrücken sich, Perspektiven ändern sich – und trotz der entdramatisierenden Struktur des Films entstehen so Momente tiefer Verbindung, mit den Opfern und den Journalisten. Man kann etwas daraus mitnehmen: Blickwechsel fördern sowohl Annähern als auch das Gewinnen eines Standpunktes.

Empfehlen möchte ich hier auch die kurze Analyse in „Nerdwriter“, einem Video-Essay-Kanal auf Youtube. Evan Puschak, ein 32jähriger Netzfeuilletonist, analysiert in atemberaubenden siebeneinhalb Minuten Tom McCarthys „Spotlight“, mit einem kurzen historischen Abriss zum Bild des Journalisten im Film (1914 spielte Charlie Chaplin in seinem erstem Auftritt in einem Film einen Schwindler, der sich als Reporter ausgibt!), einem direkten Vergleich mit „All The Presidents Men“ (1976) von Alan J. Pakula und mit einer technischen Kurzanalyse der Machart des Films: Montage und Understatement. Letzteres meint hier u.a. die unaufdringliche und spannungsreduzierte Filmmusik, die schlammige Farbgebung („muded“), das zurückhaltende Setdesign und die funktionalen Kamerabewegungen – Entdramatisieren bei einem hochdramatischen und komplexen Thema. Vermittelt werde realistischerweise, dass journalistisches Arbeiten nüchtern, langweilig, schleppend, umständlich, voller Sackgassen und unspektakulär ist. Montage meint insbesondere die zweieinhalb Minuten dauernde Szene, in der das Durchsuchen von Unmengen an Listen und das Ausfüllen von Exceltabellen geschnitten wird mit kleinen, lebendigen Szenen der Reporter und der alltäglichen Orte, an denen sie dieser Tätigkeit nachgehen.

Puschak zitiert David Simon, einen Journalisten, Autor und Produzenten von Fernsehserien („The Wire“, „Treme“, „The Deuce“), der insbesondere mit seiner Serie „The Wire“ (2002 – 2008) einem breiteren Publikum die netzartigen Analogien und Verwicklungen zwischen Polizei, Drogenhändlern, Gewerkschaften, Immobilienspekulanten und Regierungsvertretern in Baltimore näherbrachte. Als Symbol für das Miteinander-Existieren von Gewalt und Geschäft, von Wirtschaft und Kriminalität verwendet er „The Game“, das Leben als Spiel, man kennt die Regeln oder auch nicht, man bricht sie, befragt sie, möchte sie ändern, aber letztlich entkommt man dem Spiel nicht. 

Unbedingt lesenswert ist auch ein Interview mit David Simon in „Vulture“, einer New Yorker Website zu Popkultur. Man erfährt, dass Tom McCarthy in der fünften Staffel von „The Wire“ einen Journalisten spielte, der eine komplette Mordserie erfand, eine Negativfigur und das Gegenteil des Spotlight-Rechercheteams. Und man denkt über redaktionelles Arbeiten in heutigen Zeiten nach, wenn Simon den ‚Goldstandard‘ im Journalismus definiert:

„The gold standard, as far as I’m concerned, is a bunch of people who go out and acquire information in a systemic way and then bring it back to a collective of people with real experience and real institutional memory, who have an understanding of the continuity and the context of issues, and can determine the news value and publish it accordingly. Or not publish it. The gatekeeper aspect of modern journalism, before it started to fall apart, had real value to me. Again, there’s a moment in this film where they don’t publish because they don’t have the story completely surrounded yet, and it’s a moment of great editorial integrity in the film. That’s the gold standard — having editors who truly edit and take their roles as gatekeepers seriously. The stuff that’s incomplete or the stuff that might be inaccurate or unfair gets a second look and maybe gets passed on. That’s all I’m saying.“

„Spotlight“ (2015) bekam zwei Oscars (bester Film, bestes Originaldrehbuch), man findet ihn z.B. auf Amazon hier, ein Interview mit Tom McCarthy im Deutschlandfunk hier.

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„La Mala Educación“ – ein Film von Pedro Almodovar

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©️El Deseo 2004

Kann man das Thema Missbrauch von Kindern durch katholische Priester in einem Film angemessen darstellen? Kann ein Film Zuschauern dieses Phänomen näherbringen, in all seiner Brisanz? Ein durchaus gelungener Versuch dazu ist Pedro Almodovars „La Mala Educación“, der mit Hilfe von verschachtelten Zeitebenen und irritierender Auflösung von Identitäten und Erinnerungen die Wirkung von Missbrauch in der Kindheit filmisch verarbeitet.

Erzählt wird die Geschichte von Ignacio, der im Internat von seinem Lehrer, Pater Manolo, sexuell missbraucht wird. Einige Jahre später, transgender lebend und drogenabhängig, erpresst er den inzwischen verheirateten Pater, um seine Situation zu verändern. Er wird von ihm getötet, da dieser Ignacios jüngeren Bruder Juan begehrt, der wiederum Pater Manolo für den Mord an seinem Bruder benutzt hat. Juan wiederum sucht einige Jahre später den Regisseur Enrique auf, einen Freund Ignacios, der damals aus dem Internat geworfen wurde, obwohl Ignacio, begehrt von Pater Manolo, seinen Körper zur Verfügung stellte, damit Enrique bleiben konnte. Juan möchte Schauspieler werden und bietet Enrique – sich als Ignacio ausgebend – dessen Erzählung „Der Besuch“ an, die Ignacios Geschichte erzählt. Enrique dreht den Film mit ihm und geht eine sexuelle Beziehung mit ihm ein, wissend, das es Juan ist und nicht Ignacio, Juan wiederum weiß, dass Enrique seine wahre Identität kennt. Nach dem Dreh der letzten Szene (der Mord an Ignacio) erscheint der Pater und erzählt Enrique von dem gemeinsamen realen Mord an Ignacio, woraufhin dieser Juan aus seinem Leben wirft. 

Was sich wie eine verwickelte Kriminalgeschichte liest, ist im Film manchmal anrührend und betroffen machend, manchmal plakativ und farbenfroh, manchmal aber auch messerscharf sezierend, wenn es um die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit geht. Der Film verweigert sich dem direkten Verständnis, zumal mit Doppelbesetzung gearbeitet wird, mit Film im Film und Erzählung im Film, mit Andeutungen, verschwimmenden Erinnerungen und schwelgenden, überzeichnet wirkenden Szenen. Allmählich erst bekommt man einen Faden in die Hand, man wendet sich den Schicksalen der Beteiligten zu, entwickelt Sympathien und Betroffenheiten, nur um dann wieder zu spüren, dass sich wenig intime Nähe zwischen den Beteiligten einstellt, dass Beziehungen dazu dienen, die eigenen Ziele und Begehrlichkeiten durchzusetzen und dass sich viele Szenen schön, aber leer anfühlen.

Dabei ist der emotionale Kern des Films weder die Schuldfrage, noch die Verurteilung der katholischen Kirche oder womöglich eine autobiographische Aufarbeitung. Es ist die berührende Frage: Wie überlebt man es, von einem Erwachsenen zum Objekt des Begehrens gemacht worden zu sein? Der Film zeigt die ganze Bandbreite der Toxizität von benutzenden Beziehungen: wie sich Ignacio abhängig macht von seinen körperlichen Bedingungen, wie er sich in der Sucht selbst zerstört, wie er sich durch das Aufschreiben seiner Geschichte befreien kann und doch wieder durch das eigene Erpressen in einen Teufelskreis gerät. Wie sich der jüngere Bruder Juan missbraucht fühlt von Ignacios Problemen, ihn aber auch imitiert (eine Vaterfigur scheint zu fehlen) und andere Menschen noch konsequenter als Ignacio für seine Zwecke benutzt, den Pater zum Mörder macht und Enrique zum Regisseur seines Erfolgsfilms. Wie der Pater unbeirrbar sein Beziehungsmodell von abhängiger und zugleich dominierender Lust auslebt, nicht gestoppt werden kann, in Gang gesetzte Veränderungen sich nicht aneignet und damit weiter auf seiner toxischen Linie bleibt. Wie sich Enrique als Regisseur zwar produktiv betätigt, aber aus der unschuldigen Schuld, dass sich Ignacio für ihn geopfert hat, nicht befreien kann. Und wie Enrique Juan benutzt für sein „Zerschneiden“, sein neugieriges Sezieren und filmisches Montieren von Menschen und Gefühlen, und ihn am Ende fallen läßt.

Aber auch Nicht-Toxisches spielt eine große Rolle. Das Kino bietet sich als ein Gegenentwurf zur Kirche an, es zieht einen in den Bann, bietet Versammlungsrituale, stellt menschliche Verwirrungen und Dramen dar, kurzum es ist ein magischer Ort – und für Enrique sogar ein schöpferischer. Dazu lädt viel Sorgfalt und schwelgerische Lust in der Ausstattung der einzelnen Szenen zum Genießen ein, und die sanfte, liebevoll-erotische Darstellung von Juan-Ignacio-Zahara lässt Respekt und Zuneigung spüren. Es ist als gebe der Film kleine atmosphärische und szenische Hinweise, wie man den kindlichen Missbrauch ohne manipulative oder tödlich endende Beziehungen überleben kann.

Erlebter Missbrauch setzt in der Seele ganz bestimmte Abwehrmechanismen in Gang, die auch im Film zu sehen sind: Erinnerungen verlieren sich, werden aufgeladen, überblendet, verdrängt und geleugnet. Zuschauend ist man irritiert, was Realität, Film, Erinnerung oder Phantasie ist, und erlebt so das, was womit viele Opfer zu kämpfen haben. Sowohl inhaltlich (manipulative Beziehungen) als auch formal (Dissoziationen, Leugnen, Derealisationsphänomene) bildet der Film Aspekte des Themas nach einschließlich der Möglichkeiten des Auswegs in Kreativität und Sanftheit.

Es sei kein autobiographischer Film, meint der Regisseur Almodovar, auch die Kritik an der katholischen Kirche sei kein zentrales Thema, und die Sexualität des Täters, ein Pater und Lehrer eines Knabeninternats, werde nicht verurteilt. Diese Haltung des Regisseurs merkt man dem Film an und sie macht den Zugang leichter. Die intensiven Bilder, die Almodovar findet, führen aber auch bei Kritikern zu bemerkenswert unreflektierten Äußerungen, wie bei Fritz Göttler, der 2010 in seiner Besprechung das Muster des unschuldigen Verführers (der Knabe Ignacio) bemüht, das endgültig nicht mehr herangezogen werden sollte zum Verstehen von Kindesmissbrauch.

„La Mala Educación“ (2004) findet man bei Amazon, Fritz Göttler problematische Besprechung In der Süddeutschen Zeitung, lesenswert ist auch der Beitrag zum Film im Blog „Talkingaboutsexualtrauma“ sowie Oliver Hüttmanns begeisterte und ausführliche Rezension von 2004 im Spiegel. Er räumt zwar dem Missbrauch nicht viel Raum ein, aber die vielen Ebenen des Films werden genau nachgezeichnet und mit der Metapher der „schwarzen Rose mit sinnlichem und verstörenden Duft“ treffend zusammengefasst.

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„Shame“ – ein Film von Steve McQueen

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© See Saw Films 2011

Für seinen zweiten Spielfilm „Shame“ hat Steve McQueen, ein anerkannter britischer Künstler (u.a. Turner Prize), sexsüchtige Männer befragt und diese Erfahrung in eine dichte filmische Studie transformiert. Erzählt wird von einem von sexuellen Lüsten getriebenen Mann, Brandon, attraktiv und erfolgreich, aber ohne erfüllende Liebesbeziehung. Unter seinem kühlen Netz an Kontrollmaßnahmen wie Sauberkeit, Ordnung, Erfolg, manipulierendes Verhalten im Job, Fernhalten der Schwester und sexueller Befriedigung durch Geld/Macht spürt man im Laufe des Films immer mehr die dahinter liegende Verzweiflung. Parallel und kontrastierend wird gezeigt, wie seine Schwester Sissy bei gleichen familiären Bedingungen einen anderen Weg genommen hat. Aus ihrer ständig schwelenden Sehnsucht heraus geht sie schnell Bindungen ein, gerät dabei oft an Männer, die ihr schaden und kann sich nur sehr schwer und quälend daraus lösen. Sissy taucht im Leben ihres Bruders auf und erschüttert seine massive Abwehr gegen jegliche Offenheit und gegenseitige Abhängigkeit. Sie braucht ihn und zeigt dies sehr deutlich, er fühlt sich ihr im Inneren verbunden und möchte aus seinem Bewältigungssystem ausbrechen. Dies gelingt ihm zwar nicht, in seinem Scheitern aber entsteht die Chance, in einen tieferen Kontakt zu ihr und anderen Menschen zu treten.

Verdichtet zeigt die Szene in der Bar die unterschiedlichen Lebens- und Bewältigungweisen der Geschwister.. Als Sissy eine gedehnte und sensible Interpretation von „New York, New York“ singt, voller Vereinigungswünsche, kann man in Brandons Gesicht undeutlich eine Träne entdecken. Als sein Begleiter dies bemerkt und in Worte fasst, wehrt Brandon ab und bald darauf wirft er Sissy aus seiner Wohnung, als sie mit seinem Chef ins Bett geht. Man könnte meinen, seine Abwehr von Mitempfinden sei gelungen, aber bald darauf verabredet er sich mit einer Kollegin zu einem Restaurantbesuch, ein Versuch, sich einem Liebesobjekt auf eine andere Art zu nähern als bisher von ihm praktiziert.

In der anderen wichtigen Szene, nach einer obsessiven Reise durch nächtliches sexuelles Ausleben, kämpft Brandon sich zu einem Orgasmus. Es wird nur sein Gesicht gezeigt, auf dem sich Angst, Verzweiflung, Fragen und krampfhaftes Weglaufen-Wollen mischen. Die Augen blicken direkt in die Kamera und der Zuschauer schwankt zwischen Abscheu , Faszination und Mitfühlen. Als die Kamera sich langsam bewegt und Brandons Blick der Kamera folgt, entsteht ein kurzer Moment des Gesehenwerdens vom Protagonisten, ein Wechsel der Positionen, ein Durchbrechen der vierten Wand, wodurch der Schmerz auch für den Zuschauer körperlich erfahrbar wird. In der Folge rettet Brandons seine Schwester nach einem Suizidversuch in seiner Wohnung, eine Annäherung erscheint möglich.

Steve McQueens Film spielt oft auf andere Filme an und er wählt akzentuierte, manchmal manieriert wirkende Farbgestaltung. Das künstlerische Hauptthema ist der Kontrast zweier Ebenen: Lieben und Darüberreden, oder anders gesagt komplexe, destruktive Beziehungsmuster und gesprochene, Kommunikation ermöglichende Worte. Sexuelle Handlungen, Besessenheiten, Kontrolle, Zwang und Selbstverletzung werden auf untergründige Zusammenhänge hin zerlegt. Zutage tritt, dass man eigene und die Wünsche anderer nicht völlig kontrollieren kann, also die leidvolle Erfahrung des Verfehlens von Perfektion. Oder dass totale Unabhängigkeit auf dem Feld der menschlichen Beziehungen Verluste mit sich bringt, andersherum dass Nähe mit Abhängigkeit einhergeht. Zuschreibungen, wann etwas krank ist und wann nicht, werden hier hinterfragt und es gibt auch keine ätiologische Sichtweise, also keine Angebote, wie man aus der Kindheit heraus verstehen könnte, wie sich die beiden Hauptpersonen entwickelt haben. Aus der Lebensgeschichte gibt es nur zwei Informationen: New Jersey, und Sissys Satz: We’re not bad people, we just come from a bad place.

Das im Film behandelte Thema ist schwer und schambesetzt. Dies könnte ein Grund sein für die manchmal artifziell anmutende Gestaltung des Films. Es gibt Wortbilder wie in der Szene mit der Prostituierten, die den „hook“ ihres BHs nicht schließen kann, Brandon bietet Hilfe an, und sie sagt: „It’s just the hook“, oder auch Verwendung von Spiegelungen, Verschachteln von Zeitebenen, deutliche Kalt-Warm-Farbgestaltung, Zweidrittelung der Einstellungen und ein unscharfer Kinder-Animationsfilm im Hintergrund. Künstlich wirkende Formen können erlebtermaßen rettend sein, sie zerspringen nicht, lösen sich nicht auf und werden nicht allzu hässlich. Ebenso sind filmische Zitate Haltepunkte in dem seelischen Strudel zwischen obsessiver Machtausübung und Kontrollverlust: die Goldbergvariationen verweisen auf Hannibal Lecter, die nächtlichen Fenster auf Hitchcocks Film „The Rear Window“, Brandons Appartement auf „American Psycho“und sein nächtliches Joggen auf Dustin Hoffmann in „Marathon Man“.

Selbstreflektion bezüglich des Themas lässt sich ebenfalls finden, so wenn Sprechen und Worte explizit thematisiert werden. Brandon datet Marianne in einem Restaurant, der Kellner taucht auf und bespricht die Bestellung, die beiden aber müssen aber erst einmal ihre Worte finden. Begleitet wird dies von untergründiger Erregung, Zögern, Hoffen, Amüsiertheit und vorsichtigem Öffnen. Worte sind belanglos, der Kellner und das Paar sagen das, was man halt so sagt, darunter aber spürt man Spannungen, das Eigentliche, der Tanz des Annäherns. Ähnliches findet sich in dem Gespräch zwischen Brandon und Sissy, in dem er darüber spricht, wie sie Männerbeziehungen gestaltet und ihr aufzeigt, wie sie ihn manipulieren möchte, sie aber glaubhaft dagegen spricht. „Es wäre doch traurig, wenn du nichts mehr von mir hörst“, sagt sie, zugleich aber ist die Andeutung ihrer vollständigen Abwesenheit wieder ein Versuch ihn zu beeinflussen.

Zusammengefasst ist der Film eine intensive Fallstudie, klinisch gesehen geht es um abhängige/zwanghafte/emotional instabile Persönlichkeitsstrukturanteile, gesteigertes sexuelles Verlangen, Kontrolle/Abhängigkeit und Verwobenheit von Nähe und Abhängigkeit.

„Shame“, 2011, kann man bei Netflix streamen, bei Amazon findet man: „Marathon Man“, John Schlesinger 1976, „The Silence of the Lambs“, Jonathan Demme, 1991, „Rear Window“, Alfred Hitchcock, 1954, „American Psycho“, Mary Harron, 2000

Andreas Kilb in seiner Rezension hätte gerne mehr Erklärungen, Katja Nicodemus dagegen spürt die Verzweiflung.

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„Under the Skin“ – ein Film von Jonathan Glazer

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© wildbunch 2014

Einige Kritiker meinten 2013, dieser Film könne ein Kultfilm werden, da er den Zuschauer mit mehr offenen Fragen zurücklasse als andere Filme. Ein solcher Effekt entsteht ja, wenn man beim Sehen des Films mehrere Geschichten entwickeln kann, in die das Geschehen hineinpasst, aber nie eine endgültige Bestätigung für eine Version erhält. Zusammen mit der durch spezielle filmische Mittel erreichten, traumhaft-surrealen Atmosphäre ist damit Jonathan Glazers Film recht gut charakterisiert.

In der Handlung geht es um eine unberührt wirkende, namenlose Frau (Scarlett Johannsen), die sich in einem Lieferwagen durch Randzonen einer Großstadt bewegt und Männern auf eine dokumentarisch-nüchterne Art beobachtet, wie sie sich bewegen, was sie sagen, wie sie mit ihr ins Gespräch kommen. Mit der Aussicht auf Sex lockt sie einige Männer in ein leerstehendes Haus, wo sie in einer schwarzen gestaltlosen Masse versinken, irgendwann ruckartig ihr Körperinneres verlieren und als tanzende Hauthülle dort verbleiben. Nach der Begegnung mit dem ersten Mann, den sie nach der Nacht wieder aus dem Haus läßt, verändert sich das Schema, die Frau begibt sich in die Welt hinaus und landet schließlich bei einem vorsichtigen und eher sanften Mann in dessen Haus. Nach einer Nacht mit ihm läuft sie in den Wald und wird nach einer versuchten Vergewaltigung von einem Waldarbeiter durch Verbrennen getötet.

Dies könnte eine Science-Fiction-Horror-Geschichte sein, denn die Frau hat die äußere Hülle einer menschlichen Frau verwendet und entpuppt sich am Ende als schwarzes Alien-Wesen. Aber die entsprechenden Filmmuster fehlen, es gibt kein Geschrei, keine entsprechende Musik, kein Erschrecken, Horror oder Blut. Die Straßenaufnahmen sind ungestellt, die Darsteller spielen entweder non-fiktional oder sie bewegen sich, wie die Hauptfigur und deren Helfer, maschinenhaft unbewegt durch das Geschehen, es gibt einige traumähnliche Sequenzen und der Filmsound ist eher experimentell.

Scarlett Johannsen spielt hier eine kühle und unempathische Frau, die zu Beginn dokumentarisch, manchmal leicht neugierig wahrnimmt, wie sich Menschen öffentlich bewegen und ihr gegenüber verhalten. In ihrem Haus nimmt sie den Männern, die mit ihr Sex wollen, das Innenleben und sie können nicht mehr in ihr eigenes Leben zurückkehren. Bei einem dieser Kontakte wird gezeigt, wie sie völlig unbeeindruckt ein schreiendes Kleinkind am Meer dem sicheren Tod überläßt. Versinnbildlicht wird dabei der aus manchen Störungsbildern bekannte innerseelische Zustand, dass es völlig fremd und unmöglich erscheint, sich in jemand anderes hinein zu versetzen, zu fühlen, was der andere fühlt oder wie das eigene Verhalten auf den anderen wirkt. Im Kontakt zu einer solchen Frau werden die Männer zu Hüllen ohne innere Regungen. Aber die Iris des menschlichen Auges als Metapher weist darauf hin, dass über das Sehen etwas ins Innere der Frau gelangt, sie lernt im Beobachten, durch Begegnungen, durch das Anfassen von Tieren und durch Blut auf ihrer Haut. Ein Wendepunkt ist das Zusammentreffen mit einem äußerlich stark entstellten jungen Mann, der noch nie eine Freundin hatte, also noch nie von einer Frau berührt wurde. Sie öffnet ihm nach der Nacht mit ihr die Tür des Hauses und er entkommt, eine Handlung, mit der ihr Schema sich zu ändern beginnt. Lieferwagen, Helfer, Haus läßt sie zurück und nähert sich einem Mann in einem Bus, der ihr fremde Beziehungsangebote macht: Essen, Trinken, Spazieren, Vorsicht und Fürsorge. Sie verbringen eine Nacht miteinander und als er in sie eindringen möchte, schaut sie sich neugierig verwundert ihre Vagina an – in ihrem Inneren scheint sich etwas zu bewegen.

Unberührbarkeit und die Unmöglichkeit sich in andere hinein zu versetzen werden in diesem Film vorgeführt und es deuten sich auch Wege an, wie eine Veränderung möglich ist. Allerdings zeigt das Ende der Geschichte, rückwärts betrachtet, was der Gewinn daran sein kann, unberührt durch die Welt zu gehen: Man beherrscht andere Menschen, da man selbst von diesen nicht verletzt werden kann, und manchmal kann man sich sogar das Innenleben der anderen aneignen. Beginnt man diesen Mechanismus zu befragen, ja sogar zu verändern, so fühlt man sich hilflos, man wird überwältigt, verfolgt. Die anderen können das eigene, fremde Innere sehen und mit völligem Unverständnis, Abwehr und Zerstörung reagieren.

Die passenden klinischen Begriffe sind Mentalisierungsfähigkeit, Affektspiegelung oder Alexithymie, aber sie sind keinesfalls deckungsgleich mit dem, was der Film zeigt. Besser als in jedem Lehrbuch allerdings wird hier spürbar gemacht, was ein Mangel an seelischem Innenleben bedeutet und wie schwer es ist, daran etwas zu verändern.

Under the Skin, GB 2013, Regie Jonathan Glazer kann man bei Amazon Prime leihen oder hier als DVD gebraucht kaufen, ein Interview mit dem Regisseur findet man hier.

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„The Capture“ – eine TV-Serie von Ben Chanan

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® BBC

London ist die westliche Großstadt mit den meisten Überwachungskameras. Die bildliche Erfassung ist annähernd lückenlos, aber dennoch gibt es einige tote Winkel, in denen etwas geschehen kann, das den Überwachungssystemen entgeht. Könnten dies schwarze Löcher der Freiheit sein? Schlupflöcher für Widerständler?

Die Serie „The Chapture“ (2019) von Ben Chanan macht dies zum zentralen Thema und zieht den Zuschauer in ein symbolisches Geflecht hinein, in eine Verschwörungsgeschichte mit mehreren Ebenen, in der Einteilungen in Freund und Feind, in Gut und Böse hinterfragt werden. Dabei sieht man einprägsame Bilder zu den Verstrickungen und Schädigungen, in die man als Soldat im Auslandseinsatz geraten kann. Oder Szenen, in denen die gezeigten psychologischen Manipulationsmethoden die Zimmertemperatur vor dem TV-Gerät um einige Grade sinken lassen. Psychologisch gesehen geht es dabei um die tiefsitzende, meist unbewusste Kränkung des nach Perfektionierung strebenden Menschen, dass es etwas Lückenloses in der Realität nicht geben kann, immer verhält sich jemand unvorhersehbar und es entsteht ein toter Winkel, aus dem heraus sich der Fortgang eines Geschehens plötzlich ändern kann.

Eingepackt ist dies alles in die Geschichte eines britischen Afghanistan-Heimkehrers, der der Tötung eines unbewaffneten Gegners verdächtigt wird, aber freikommt, da das Infomaterial mit einer Zeitverzögerung behaftet ist und sich dadurch der Ablauf vor Gericht anders darstellen lässt. Aus der U-Haft entlassen wird er, wieder anhand eines Videos, eines Mordes verdächtigt, was eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, in deren Verlauf kaum ein Bild das bleibt, was es gewesen ist. Währenddessen lernt man, was ein Deep Fake ist und was es leisten kann, was Stitching bedeutet und wie es eingesetzt werden kann und am Ende muss man schlussfolgern, dass man 2020 keinem reproduzierten Abbild der Realität mehr trauen kann.

Grossbritannien kämpft derzeit mit grossem Rissen und Spaltungen in der Gesellschaft. Vielleicht gehört dazu auch, dass die BBC ambitionierte Unterhaltungsserien produziert, in denen mit Spannung erzählt wird, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen heute leben müssen. Man fühlt sich erinnert an anspruchsvolle Politthriller wie „Three Days of the Condor“ (1975) oder „Prince of the City“ (1981), mehr noch an Filme wie „The Manchurian Candidate“ (1962/2004) oder Serien wie „Homecoming“ (2019), in denen eine alternative Konstellation der Zukunft geschildert wird, um heute stattfindende gesellschaftliche Prozesse darzustellen und zu verstehen.

In „The Capture“ wird ein 1984-Szenario entworfen, in dem mit den Mitteln der heutigen Videobearbeitung von einem Zusammenschluss internationaler Geheimdienste das Recht in die Hand genommen wird. Es werden Videobeweise geliefert, um Täter, von deren Schuld man überzeugt ist, die man aber nicht beweisen kann, anklagen und verurteilen zu können. Dies kann in einer unbeherrschbaren Realität mit internationalen Verbrecherorganisationen ein Weg sein, die demokratische Ordnung zu sichern – oder etwa nicht? Wenn solche inneren Diskussionen über politische, soziale oder psychologische Fragen von Genrestücken in Gang gesetzt werden, hat meiner Meinung nach ein unabhängiges Fernsehen in einer Demokratie seinen Bildungsauftrag erfüllt.

„The Capture“ (BBC One, 2019), geschrieben und produziert von Ben Chanan findet man bei Starzplay, buchbar über Amazon Prime, 4,99 € monatlich, jederzeit kündbar.

„Homecoming“ (2018) von Sam Esmail mit Julia Roberts bei Amazon Prime, gedreht nach dem gleichnamigen Podcast von Gimlet Media, den man z.B. über Spotify hören kann.

„The Manchurian Candidate“ (2004) von Jonathan Demme kann man bei Amazon Prime leihen, die ältere Filmversion von John Frankenheimer (1962) ebenfalls.

„Three Days of the Condor“ (1975, Sidney Pollack) streamt oder leiht man bei Amazon Prime, ebenso „Prince of the City“ (1981, Sidey Lumet)

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„Liberace“ – ein Film von Steven Soderbergh

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© DCM

Liberace war ein erfolgreicher US-amerikanischer Pianist und Entertainer der sechziger und siebziger Jahren, der unverkennbar homosexuell auftrat, seine eigene Homosexualität aber unter Androhung von Rechtsstreits verbarg. Dieses Vorgehen war für ihn eine Schutzdecke, seine sexuelle Identität öffentlich nicht zu benennen, aber deutlich homosexuell aufzutreten.

Soderberghs Film (nach realen Begebenheiten) entwickelt sich entlang der Liebesgeschichte zwischen Liberace und dem zu Beginn 18jährigen Scott, den er umgarnt, ins Vertrauen zieht, als Chauffeursfigur in seine Show einbaut, mit dem er lange lebt und den er am Ende gegen einen jüngeren Partner austauscht. Scott dagegen findet in Liberace eine Vaterfigur und etwas, das er niemals in seinem Leben hatte, eine großzügige und Geborgenheit gebende Familie. Dies ist lange Zeit ausreichend, um Liberaces Wünsche, ihm äußerlich immer ähnlicher zu werden, zu erfüllen.

Unmittelbar fasziniert hat mich die Doppelbödigkeit im Leben von Liberace, die auch im Film in vielen Szenen als Stilmittel verwendet wird. Wenn jemand sein eigenes Bild nach außen so kontrolliert, dass er seine sexuelle Orientierung versteckt, aber davon lebt, diese auf der Bühne zu zeigen, entsteht eine flirrende Beziehung zu sich selbst, ein changierendes Suchen danach, wer man ist und allzu oft auch ein Verlust der Sicherheit in sich selbst. Soderberghs Film von 2013 bildet dies in vielen Szenen ab, so wenn Liberace sich den jeweiligen neuen Partner anfangs so zeigt, wie es diesem gefällt, dabei aber unklar bleibt, was ernst gemeint und was Strategie ist. Oder wenn Liberaces heiter-verspielte Klaviermusik erklingt, während parallel verstörend reale Details von Schönheitsoperationen im Gesicht gezeigt werden. Liberace ist zu Beginn seiner Liebesbeziehungen ein Wunscherfüller, bald aber möchte er seine eigenen Wünsche erfüllt haben, die ganze Welt und auch seinen Partner zum exakten Ebenbild zu machen: Wenn die Welt mich nicht achtet, wie ich bin, so versuche ich die Welt um mich herum so zu verändern, dass sie mich spiegelt.

Das Leitmotiv der Spiegelbild-Suche wird anhand der Schönheitsoperationen, des Kleidungsstils und der Lebensgewohnheiten durchdekliniert. Ist es eine Suche danach, wer man selbst ist? Liberace steckt fest in dem Begehren, von anderen gespiegelt zu werden und Anerkennung zu bekommen für eine äußere Zurechtmachung, für eine Kunstfigur. Eine intensive Begegnung mit sich selbst und anderen wird gewünscht, aber verfehlt. Allerdings wirkt all dies nie ermüdend oder leer, denn es geht auch immer um Beständigkeit, Sicherheit und Anerkennung in einer dauerhaften Beziehung und so entstehen auch sehr berührende Filmmomente. Auch wird deutlich, aus welchen Konstellationen heraus die beteiligten Figuren die manchmal zerstörerischen Beziehungen miteinander aufbauen, so dass kein Voyeurismus geweckt wird oder Verachtung spürbar wird. Es ist eine fast fürsorgliche Darstellung einer Beziehung zwischen zwei Männern – vom grossartigen Anfang bis zum bitteren Ende.

Für die Verdeutlichung eines seelischen Störungsbildes ist der Film nicht geeignet, aber er zeigt den allgemeinen seelischen Mechanismus, jemandem eine ganz besondere Stellung zu geben, um die eigene Leere zu füllen und ihm nach dem Misslingen diesen Platz wieder zu nehmen. Soderberghs Film gelingt es, dies ohne Wertung oder Verurteilung in Bilder und Szenen zu bringen – vielleicht fand er deshalb keine Produktionsfirma in Hollywood und ging zu HBO. Und auch Michael Douglas und Matt Damon bekamen die Chance, in ihren Rollen ganz aufzugehen und als Hollywood-Stars zu verschwinden.

„Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ (2013) von Steven Soderbergh kann man für wenig Geld hier leihen oder hier kaufen.

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„Besser geht’s nicht“ – eine romantische Komödie mit Jack Nicholson

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©sony pictures home entertainment

Ein 20 Jahre alter Hollywoodfilm als Empfehlung in der Kategorie „Filme zu Störungsbildern“? Ja, die Darstellung der Nöte, Hindernisse und Beziehungsformen eines älteren Mannes mit einer Zwangsstörung ist sehr lebendig, und Jack Nicholson und Helen Hunt machen in ihren Rollen einfach Spaß.

Der wohlhabende Schriftsteller Melvin Udall ist gefangen und gleichzeitig geschützt in seinen stereotypen Gedanken und Handlungen, sich binden ist nur sehr versteckt möglich und Abfälligkeiten gegenüber anderen Menschen sind an der Tagesordnung. Durch eine Störung in seinen gewohnten Abläufen wird er gefordert, sich anderen Menschen zu öffnen, was zu einer ereignisreichen Autofahrt zu dritt führt, und letztendlich zu Kontakten zu anderen Menschen, die ein wenig mehr Nähe und Flexibilität ermöglichen.

Dialoge und kleine alltägliche Szenen lassen das Phänomen der Zwanghaftigkeit spürbar werden, ohne dass auf irgendeine Art erklärt wird, woher Melvin Udalls Probleme stammen. Erklärungen in Filmen führen oft eine hinderliche Meta-Ebene ein. Zu zeigen, wie sich die Lebenssituation dreier sehr unterschiedlicher Charaktere darstellt und wie sie sich in der Geschichte weiterentwickelt, das genügt hier.

Das Überraschende an dieser Komödie ist, dass die Abzweigung zum Klischee immer möglich ist, manchmal auch angedeutet wird, aber der Film oftmals die nicht perfekten Lösungen bevorzugt. Ein Mensch mit Zwangssymptomen wird diese nicht einfach aufgeben können, aber er kann sie besser kennenlernen. Und es ist auch manchmal möglich, in Beziehungen zu anderen Menschen zu versuchen, diese nicht nur zum Teilen und Herrschen zu nutzen. Entsprechend dem Genre wird dies besonders deutlich an einer Liebesbeziehung gezeigt, und romantische Gefühle kommen dabei nicht zu kurz. Aber es geht auch um Hunde, Nachbarn, Freunde und – last but not least – darum, wie man sich zu sich selbst und den Objekten der direkten Umgebung ‚in Beziehung setzt‘.

Regisseur des Films von 1997 ist James L. Brooks, Originaltitel „As Good as it Gets“, und derzeit kann man ihn bei Netflix finden.

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„Blue Jasmine“

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Edith Buchhalter 2011

Kennt man nicht Phasen im Leben, in denen man laut mit sich selbst spricht und die anderen um sich herum vergisst? Psychologisch gesehen könnte dies ein Weg sein, sich in einer Art Selbstfürsorge wieder aufzurichten und so aus einem Tief heraus zu kommen. Dies jedenfalls wünscht man in dem Film „Blue Jasmine“ (Woody Allen, 2013) der Hauptfigur und diese Hoffnung trägt das Filmerleben sehr lange Zeit. Neben natürlich der überragenden Schauspielerin Cate Blanchett, die der an ihrer verlorenen Fassade festhaltenden älteren Frau eine intensive und leere Traurigkeit gibt.

Jasmine hat ihren Reichtum, ihren seelenlosen Ehemann und ihre Wohnung an der Upper East Side von New York verschwinden sehen, sie ist gezwungen zur Schwester nach Florida zu ziehen, sich einen Job zu suchen und ihren Alltag selbst zu organisieren. Gezeigt wird dies als struktureller Zusammenbruch, als Verlust einer Außenhülle, die das einzig stabile Gerüst im Leben der Gattin eines reichen Betrügers war. Quälend ist die fortschreitende Verleugnung aller Angebote des realen Lebens, die Verdrängung von Erfahrungen, die Jasmine macht, der fortschreitende Rückzug in das blau-leere Innenleben. Der Film macht deutlich, wie schwer es ist, eine Anlehnung an Fassaden wie Ehemann, Reichtum u.a. aufzugeben. Sinnlichkeit, kompliziertere Bindungen, mittelmäßige Lebensformen, Versagungen, Alltagsanforderungen – in all dies kann Jasmine nur momentweise einsteigen. Der Sprung aus ihrer haltgebenden Hülle ist zu angstbesetzt, zu wenig erprobt, lieber wird der rote Faden der traurigen Gleichgültigkeit wieder aufgenommen. Am Ende ist sie gefangen in den Versuchen, die gefundene Lebensform zu wiederholen, also wieder einen reichen Ehemann zu finden. Man sieht, wie diese Methode leerläuft, Jasmine kann ihr Scheitern nicht nutzen und das Verleugnen setzt wieder ein.

Realitätsverlust, fassadere Persönlichkeit, abhängige Strukturanteile sind die diagnostischen Stichworte, aber Cate Blanchett macht aus Jasmine eine komplexe und überzeugende Film-Figur, die die ihre Probleme reichhaltiger deutlich macht als trockene Einordnungen. Es gibt Kritiken, die den Realitätsverlust der Protagonistin gespiegelt sehen in der künstlichen und stereotypen Darstellungsweise des Regisseurs. Dies mag sein, kann aber auch als eine Kongruenz von Inhalt und Form angesehen werden.

Blue Jasmine kann man auf Amazon Prime leihen oder als DVD kaufen z.B. hier

Eine Kritik aus der Süddeutschen Zeitung findet man hier.

Filme und Serien

„Silver Linings“

Veröffentlicht am
Edith Buchhalter 2019

Man kann zwar davon ausgehen, dass PsychotherapeutInnen Aspekte einiger Störungsbilder aus ihrem eigenen Alltag kennen. Wer aber weiß, wie sich der Alltag eines bipolar gestörten Mannes oder einer emotional instabilen Frau tatsächlich anfühlt? Filme können, gefasst in der Hülle eines Genres, viele Aspekte von Störungsbildern beim Anschauen erfahrbar machen. Sie können Störungen lebendig werden lassen, ohne dass man Intimitätsgrenzen eines Patienten oder einer Patientin überschreiten muss.

Ein Klassiker dafür ist der Film „Silver Linings“ von David O. Russell (2013), die Geschichte eines Mannes und einer Frau nach heftigen Lebenskrisen, die sie in eine Klinik und danach wieder in die Fürsorge ihrer Eltern gebracht haben. Genaue Beobachtungen der in Schwierigkeiten führenden Beziehungsmuster der beiden Hauptpersonen, ihrer Selbst- und Fremdbehandlungsversuche, ihrer Rückfälle und ihrer Kämpfe mit dem sozialen Umfeld wechseln sich ab mit den vertrauten und entlastenden Schemata einer romantischen Komödie. Insbesondere die notwendige Rückkehr ins Elternhaus lädt zu witzigen Wendungen ein, zu denen Robert de Niro als Vater wesentlich beiträgt, die Reinszenierungen der elterlichen Beziehungen lassen aber auch etwas von der Pathogenese spüren, ohne ins Erklären abzugleiten.

Das gemeinsame Einüben eines Paartanzes trägt wesentlich zum Heilungsprozess bei. Auch das eine bekannte Formel, aber der Prozess wird ausführlich und liebevoll dargestellt, gezeigt wird dabei sowohl das Eingehen einer Arbeitsbeziehung, das Errichten eines haltgebenden Rahmens, das Einhalten von Regeln und das Durchbeißen bei Rückschlägen, alles auch Charakteristika des Behandlungsprozesses von seelischen Störungen.

Hauptdarsteller sind Jennifer Lawrence und Bradley Cooper und man findet den Film bei Amazon Prime oder als DVD, gebraucht zum Beispiel hier.

Filme und Serien

„Unbelievable“ – eine Netflix Serie über Vergewaltigungen

Veröffentlicht am
Edith Buchhalter 2004

„Unbelievable“ ist die erste Serie seit längerer Zeit, die mich nicht losließ, bis ich sie zu Ende geschaut hatte. Dieser Effekt hängt unter anderem damit zusammen, dass mein professionelles Interesse als Psychotherapeutin geweckt wurde. Bei Filmen und Serien über sexuelle Gewalttaten entsteht bei mir immer die Frage, ob das Geschehen angemessen und differenziert dargestellt wird, was leider oft nicht der Fall ist. Hier aber werden überzeugend, ausführlich, manchmal schmerzhaft genau die Folgen von Vergewaltigungen als ein ganzes System von Wirkungen spürbar gemacht. Dazu gehören die Unentrinnbarkeit der Situation, von einem Mann in der eigenen Wohnung zu sexuellen (und anderen) Handlungen gezwungen zu werden, die Flashbacks derer, die dies erlebt haben, die Hilflosigkeit der Angehörigen und Ärzte, das Gefangensein der Ermittler in ihrem Arbeitsumfeld und in ihren Prägungen und die toxische Auswirkung auf die gesamte Lebensgestaltung der betroffenen Frauen. Alles wird ruhig und zugleich aufwühlend erzählt und eröffnet so die Möglichkeit, in das Erleben aller Beteiligten einzutauchen und die Komplexität der Wirklichkeit rund um eine solche Tat erfahrbar zu machen.

Vielleicht ist ein Baustein für die beschriebene Wirkung, dass die Serie auf einer preisgekrönten Reportage beruht und dieser reale Hintergrund fast genau übernommen wird. Wichtiger aber scheint mir zu sein, dass die Serie weitestgehend auf die Tätersicht verzichtet, sie taucht weder in Kameraführung noch in Motivationserzählungen auf. Damit kommt man einem psychotherapeutischen Standpunkt recht nahe, denn eine Behandlung eines solchen Traumas verlangt, der Patientin (es sind meist Frauen) konsequent zur Seite zu stehen und dem Täter nur so weit in den Behandlungsprozess Einlass zu gewähren, wie es stabil (für beide Seiten) aushaltbar ist. Die Serie geht sogar so weit, dass die Körper der Frauen nur ausschnittweise in Fotos oder in den Flashbacks zu sehen sind, der Täter aber, als er sich in der Haft untersuchen lassen muss, quälend lange vollständig nackt zu sehen ist.

Lange im Kopf bleiben auch die beiden Ermittlerinnen, eine Anfängerin, gläubige Christin und Mutter mit einer eher sanfter Herangehensweise und eine härtere und erfahrene Polizistin mit Beziehungsproblemen. Sie zeigen unterschiedliche Weisen des Umgangs mit den vergewaltigten Frauen, den Verdächtigen, dem sozialen Umfeld und dem Täter. Damit wird ein Spektrum eröffnet an Wut, Einfühlung, Sanftheit, Betroffenheit, Herumwühlen, Hilflosigkeit und Gewalt und nichts davon wird als die einzig wahre Vorgehensweise hervorgehoben – eine Erfahrung, die das Blickfeld erweitert und das psychotherapeutische Handeln bereichern kann.

Die Serie kann man derzeit bei Netflix (Trailer hier) streamen (monatliche Kündigungsfrist) und die Reportage dazu ist hier zu finden.