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„Liberace“ – ein Film von Steven Soderbergh

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Liberace war ein erfolgreicher US-amerikanischer Pianist und Entertainer in den sechziger und siebziger Jahren, der unverkennbar homosexuell auftrat, seine eigene Homosexualität aber unter Androhung von Rechtsstreits verbarg. Dieses Vorgehen war für ihn eine Schutzdecke, seine sexuelle Identität öffentlich nicht zu benennen, aber deutlich homosexuell aufzutreten.

Soderberghs Film (nach realen Begebenheiten) entwickelt sich entlang der Liebesgeschichte zwischen Liberace und dem zu Beginn 18jährigen Scott, den er umgarnt, ins Vertrauen zieht, als Chauffeursfigur in seine Show einbaut, mit dem er lange lebt und den er am Ende gegen einen jüngeren Partner austauscht. Scott dagegen findet in Liberace eine Vaterfigur und etwas, das er nie in seinem Leben hatte, eine großzügige und Geborgenheit gebende Familie. Dies ist lange Zeit ausreichend, um Liberaces Wünsche, ihm äußerlich ähnlicher zu werden, zu erfüllen.

Unmittelbar fasziniert hat mich die Doppelbödigkeit im Leben von Liberace, die auch im Film in vielen Szenen als Stilmittel verwendet wird. Wenn jemand sein eigenes Bild nach außen so kontrolliert, dass er seine sexuelle Orientierung versteckt, aber davon lebt, diese auf der Bühne zu zeigen, entsteht eine flirrende Beziehung zu sich selbst, ein changierendes Suchen danach, wer man ist und allzu oft auch ein Verlust der Sicherheit in sich selbst. Soderberghs Film von 2013 bildet dies in vielen Szenen ab, so wenn Liberace sich den jeweiligen neuen Partner anfangs so zeigt, wie es diesem gefällt, dabei aber unklar bleibt, was ernst gemeint ist und was Strategie ist. Oder wenn Liberaces heiter-verspielte Klaviermusik erklingt, während parallel verstörend reale Details von Schönheitsoperationen im Gesicht gezeigt werden. Liberace ist zu Beginn seiner Liebesbeziehungen ein Wunscherfüller, bald aber möchte er seine eigenen Wünsche erfüllt haben, die ganze Welt und auch seinen Partner zum exakten Ebenbild zu machen: Wenn die Welt mich nicht achtet, wie ich bin, so versuche ich die Welt um mich herum so zu verändern, dass sie mich spiegelt.

Das Leitmotiv der Spiegelbild-Suche wird anhand der Schönheitsoperationen, des Kleidungsstils und der Lebensgewohnheiten durchdekliniert. Ist es eine Suche danach, wer man selbst ist? Liberace steckt fest in dem Begehren, von anderen gespiegelt zu werden und Anerkennung zu bekommen für eine äußere Zurechtmachung, für eine Kunstfigur. Eine intensive Begegnung mit sich selbst und anderen wird gewünscht, aber verfehlt. Allerdings wirkt all dies nie ermüdend oder leer, denn es geht auch immer um Beständigkeit, Sicherheit und Anerkennung in einer dauerhaften Beziehung und so entstehen auch sehr berührende Filmmomente. Auch wird deutlich, aus welchen Konstellationen heraus die beteiligten Figuren die manchmal zerstörerischen Beziehungen miteinander aufbauen, so dass kein Voyeurismus geweckt wird oder Verachtung spürbar wird. Es ist eine fast fürsorgliche Darstellung einer Beziehung zwischen zwei Männern – vom grossartigen Anfang bis zum bitteren Ende.

Für die Verdeutlichung eines seelischen Störungsbildes ist der Film nicht geeignet, aber er zeigt den allgemeinen seelischen Mechanismus, jemanden eine ganz besondere Stellung zu geben, um die eigene Leere zu füllen und ihm nach dem Misslingen diesen Platz wieder zu nehmen. Soderberghs Film gelingt es, dies ohne Wertung oder Verurteilung in Bilder und Szenen zu bringen – vielleicht fand er deshalb keine Produktionsfirma in Hollywood und ging zu HBO. Und auch Michael Douglas und Matt Damon bekamen die Chance, in ihren Rollen ganz aufzugehen und als Hollywood-Stars zu verschwinden.

„Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ (2013) von Steven Soderbergh kann man für wenig Geld hier leihen oder hier kaufen.