Forschung

„Die Palliativversorgung in Deutschland“ – ein Vortrag von Lukas Radbruch

Veröffentlicht am
© Edith Buchhalter 2019

Niemand hat den Tod erlebt und könnte davon berichten, aber jeder Mensch weiß, dass er sterben wird. Diese Leerstellenparadoxie der menschlichen Existenz wird gefüllt mit Ritualen, besonderen Umgangsweisen und Szenerien, mit spezieller Musik und mit der Gestaltung bestimmter Orte. Aber der Sterbeprozess als wissenschaftliches Thema ist in der heutigen Gesellschaft, in der Selbstoptimierung und Technisierung vorherrschen, eher ungewöhnlich. Immer noch sprechen Menschen nicht gerne über das Sterben, obwohl es laut einer Studie des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes bei einem großen Teil der Bevölkerung den Wunsch nach mehr Informationen zu und einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema gibt. Ein weiterer Blogbeitrag zum Sterben (nach diesem) erschien mir deshalb folgerichtig, auch, um das Thema in mein eigenes Leben, Arbeiten und Denken zu integrieren.

Palliative Versorgung meint die ganzheitliche, aktive Betreuung von Menschen mit unbehandelbaren Krankheiten, um diesen ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Lukas Radbruch beginnt seinen Vortrag mit vielen Informationen zum Begriff „Palliativmedizin“ und beschreibt die typische Arbeitsweise einschließlich vieler auftretender Probleme. Er ist Kliniker, und man merkt seinem Vortrag an, dass er seinen Arbeitsalltag auf einer Palliativstation verbringt und daher sehr lebendig, manchmal humorvoll, manchmal betroffen davon berichten kann.

Fasziniert hat mich beim Hören des Vortrags, wie Lukas Radbruch von medizinischen Informationen ausgehend immer mehr ganzheitliche und die gängige medizinische Auffassung verlassende Forschungsansätze präsentiert beziehungsweise verstärkt fordert. Ganz selbstverständlich wird z.B. beim Thema „Essen in der Sterbephase“ das kulturelle Bild von Versorgung als ein wesentlicher Faktor angesehen. So können viele Menschen in dieser Phase körperlich keine Nahrung mehr verwerten, aber die Freiheit, nicht mehr zu essen, muss erstritten werden gegen die gängige Vorstellung, man müsse doch essen, um zu Kräften zu kommen. Andererseits wird ein schwer verträgliches, fetthaltiges Essen, bei dem sofortiges Übergeben erwartet wird, genussvoll vertragen, da es von der Mutter zubereitet wurde. Hier wird die bedeutsame Beziehung zur Mutter selbstverständlich als Wirkfaktor angesehen. Entsprechend dieser Haltung werden Studien gefordert, in denen interdisziplinäre Strukturen zum Zuge kommen, mit sozial-, geistes- human- und naturwissenschaftlichen Ansätzen sowie Erforschung der Angehörigenbetreuung.

Berichtet wird auch von einer europaweiten empirischen Studie zum assistierten Suizid, in der übereinstimmend die Haltung vertreten wird, diesen nicht in die palliative Versorgung zu integrieren, sondern als ein konkurrierendes Angebot zu verstehen (in den Ländern, in denen das rechtlich möglich ist). Wichtig an dieser Stelle war für mich, dass Radbruch empfiehlt, wenn ein Patient einen Sterbewunsch äußert, zunächst nach der Motivation zu fragen, denn meist erwarten die Patienten in dieser Situation nicht mehr, als dass man ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Das klingt einfach, ist aber weder im Berufsverständnis eines Arztes noch im Stationsalltag verankert. Wenn der betreuende Arzt überhaupt Zeit hat, will er oft den Sterbewunsch nicht hören, da er meint sonst den Psychiater rufen zu müssen. Radbruch aber hebt hervor, dass es in den Situationen meist eher um Akzeptanz für die aktuellen Empfindungen des Patienten geht, um Informationen zu Alternativen wie Symptomkontrolle und Sedationsmöglichkeiten und zu der Option, Flüssigkeit und Nahrung zu verweigern. Oder einfach darum aktuell die Sicherheit zu spüren, für einen späteren, schlimmeren Zustand noch etwas in der Hinterhand zu haben.

Vieles, was angesprochen wird, kann im Zusammenhang gesehen werden mit der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Verdrängung von Tod und Sterben. Radbruch pointiert dies in der Frage, ob das Auto des Bestatters in einer Klinik die Toten am Hintereingang abholen muss, oder ob es am Haupteingang vorfahren darf. „Wer bei uns zum Haupteingang hereinkommt, soll dort auch wieder hinauskommen“, ist seine Meinung dazu.

Lukas Radbruch ist Professor für Palliativmedizin in Bonn und der Vortrag wurde 2018 gehalten während der Jahrestagung der Leopoldina, der Nationalen Akademie für Wissenschaften, zu finden hier (ab Minute 26) bei DLF Nova Hörsaal. Hier findet man einen weiteren Vortrag von Lukas Radbruch mit einer Fülle an medizinischen und klinischen Informationen rund um das Thema Sterben, der Titel lautet: „Wie ein Arzt das Sterben erlebt“.

An dieser Stelle möchte ich aus psychodynamischer Sicht den Band „Forum der Psychoanalyse“ 35/2019 empfehlen: „Zur Psychoanalyse des Alterns und Sterbens“, mit Beiträgen von Michael Ermann, Jakob Müller/Cecilie Loetz und anderen, hier kann man das Editorial von Timo Storck lesen.

Forschung

„Wiederkehr der Kindheit?“ – ein Vortrag von Jakob Müller

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®Edith Buchhalter 2007

Menschen in der Sterbephase als Gegenstand einer psychoanalytisch-empirischen Untersuchung – dies rief zwiespältige Gefühle in mir wach. Die Kombination von Empirie und Psychoanalyse ist eher selten, machte mich also neugierig, der Prozess des Sterbens aber ist ein Thema, um das man gerne einen großen Bogen macht. Psychologisch gesehen kann man beim Tod eines Menschen bestimmte seelische Bewältigungsmechanismen genau beobachten, es gibt Überaktivisimus, Distanzierung, Ratlosigkeit, scheiternde Sublimierungen, Technokratisierungstendenzen und vieles mehr. Aber in der Beschäftigung mit dem Thema rückt auch sehr nahe, dass das eigene Sterben unabänderlich ist, eine oft im Alltag verdrängte Tatsache.

Jakob Müller spricht zu diesem Thema in seinem hier empfohlenen Vortrag mit einer überzeugenden Mischung aus klarer Darstellung des wissenschaftlichen Bezugsrahmens (Bindungstheorie) und der empirischen Vorgehensweise (teilnehmende Untersuchung auf der palliativmedizinischen Station eines Krankenhauses) sowie einfühlsamer Einzelfallschilderung. Kindheit und Sterbephase werden von ihm in verschiedenen polaren Dimensionen miteinander verglichen, hinsichtlich Aktivität – Passivität, Vertikalität (wer steht oben, wer liegt unten?), Analität (Kontrolle der Ausscheidungen), Oralität (kann man sein Essen selbständig zu sich nehmen?), und Sauerstoffversorgung (Nabelschnur und Beatmungsgerät). Sehr interessiert hat mich dabei die dezidierte Aussage, die Sterbephase ähnele der Kindheit in zwei entscheidenden Aspekten: seelische Grundkonflikte werden virulent und dyadische Beziehungen treten in den Vordergrund. Der triangulierende Raum verschwinde immer mehr, so wie er umgekehrt in der Kindheit von Anfang an fortschreitend in der Entwicklung erobert und gestaltet werden musste.

Kindheit und Sterbephase auf diese Art und Weise zusammen zu sehen eröffnete neue Sichtweisen. Die Sterbephase als eine traumatische Situation reaktiviert früh erworbene Bindungsmuster, die ja gerade in unsicheren Situationen deutlich hervortreten. Bindungstheoretisches Wissen kann daher hilfreich sein, diese Bindungsstile zu erkennen und damit umzugehen. Ausgehend von der Hypothese der Zeitlosigkeit von Mustern und Strukturen werden frühere Schichten freigelegt, es kommt zu regressiven Verhaltensweisen. Aber es sind auch rückwirkend korrigierende Erfahrungen möglich, die frühen Erfahrungen werden womöglich anders erinnert und in den Beziehungen zu Angehörigen und Betreuenden können Veränderungen ausprobiert werden: Distanzierungen überwinden, Schwäche zeigen, eigene Bedürfnisse deutlicher äußern und anderes mehr.

Sehr lebendig werden all diese Erkenntnisse im Vortrag durch den mit viel Wärme und dennoch professioneller Distanz geschilderten Einzelfall, dem Sterbeprozess eines Mannes, dem gegen Ende seines Lebens durch die Gestaltung des Sterbeprozesses auf der Station neue Begegnungen mit nahestehenden Menschen ermöglicht wurde.

Die Beschäftigung mit Bindung in der Sterbephase machte mir auch eine ganz spezielle Paradoxie spürbar. Die Mutter stellt in der Kindheit ein Versprechen dar: ich mache etwas zu essen für dich, ich halte dich warm, ich bin da, auch wenn du mich nicht siehst und du kannst beruhigt einschlafen, denn morgen früh wachst du wieder auf. In der letzten Lebensphase ist es eine große Herausforderung, zu den Sterbenden eine versorgend-warme, haltende, vielleicht sogar neue Aspekte anbietende Beziehung aufzubauen in dem klaren Wissen, dass der Tag, an dem der Sterbende nicht mehr aufwachen wird, greifbar nahe ist.

Den Vortrag empfehle ich auch, da in der heutigen säkularisierten Kultur psychotherapeutisch Tätige oft mit Aufgaben betraut sind, die eher seelsorgerischer Natur sind. Man kann es daher gut gebrauchen, sich mit dem Thema Sterben beschäftigt zu haben, denn es ist in vielen Behandlungen ‚mit im Raum‘, sei es dass jemand schwer erkrankt, Eltern sterben, Todesfälle in der Lebensgeschichte eine Rolle spielen oder eine Berufstätigkeit in diesem Bereich besteht.

Dr. Jakob Müller ist Dipl.-Psychologe und Psychoanalytiker und sein Vortrag, basierend auf seiner Dissertation, wurde gehalten am 05.10.2019 im Rahmen der Herbstakademie der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft an der Universität Heidelberg. Er ist hier als Podcast zu hören und die Buchveröffentlichung zur Dissertation mit dem Titel „Bindung am Lebensende“ (2018) ist hier zu erwerben.

Filme und Serien

„The Capture“ – eine TV-Serie von Ben Chanan

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® BBC

London ist die westliche Großstadt mit den meisten Überwachungskameras. Die bildliche Erfassung ist annähernd lückenlos, aber dennoch gibt es einige tote Winkel, in denen etwas geschehen kann, das den Überwachungssystemen entgeht. Könnten dies schwarze Löcher der Freiheit sein? Schlupflöcher für Widerständler? Die Serie „The Chapture“ (2019) von Ben Chanan macht dies zum zentralen Thema und zieht den Zuschauer in ein symbolisches Geflecht hinein, in eine Verschwörungsgeschichte mit mehreren Ebenen, in der Einteilungen in Freund und Feind, in Gut und Böse hinterfragt werden. Dabei sieht man einprägsame Bilder zu den Verstrickungen und Schädigungen, in die man als Soldat im Auslandseinsatz geraten kann. Oder Szenen, in denen die gezeigten psychologischen Manipulationsmethoden die Zimmertemperatur vor dem TV-Gerät um einige Grade sinken lassen. Psychologisch gesehen geht es dabei um die tiefsitzende menschliche Kränkung, dass es etwas Lückenloses in der Realität nicht geben kann, immer verhält sich jemand unvorhersehbar und es entsteht ein toter Winkel, aus dem heraus sich der Fortgang eines Geschehens plötzlich ändern kann.

Eingepackt ist dies alles in die Geschichte eines britischen Afghanistan-Heimkehrers, der der Tötung eines unbewaffneten Gegners verdächtigt wird, aber freikommt, da das Infomaterial mit einer Zeitverzögerung behaftet ist und sich dadurch der Ablauf vor Gericht anders darstellen lässt. Aus der U-Haft entlassen wird er, wieder anhand eines Videos, eines Mordes verdächtigt, was eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, in deren Verlauf kaum ein Bild das bleibt, was es gewesen ist. Währenddessen lernt man, was ein Deep Fake ist und was es leisten kann, was Stitching bedeutet und wie es eingesetzt werden kann und am Ende muss man schlussfolgern, dass man 2020 keinem reproduzierten Abbild der Realität mehr trauen kann.

Grossbritannien kämpft derzeit mit grossem Rissen und Spaltungen in der Gesellschaft. Vielleicht gehört dazu auch, dass die BBC ambitionierte Unterhaltungsserien produziert, in denen mit Spannung erzählt wird, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen heute leben müssen. Man fühlt sich erinnert an anspruchsvolle Politthriller wie „Three Days of the Condor“ (1975) oder „Prince of the City“ (1981), mehr noch an Filme wie „The Manchurian Candidate“ (1962/2004) oder Serien wie „Homecoming“ (2019), in denen eine alternative Konstellation der Zukunft geschildert wird, um heute stattfindende gesellschaftliche Prozesse darzustellen und zu verstehen.

In „The Capture“ wird ein 1984-Szenario entworfen, in dem mit den Mitteln der heutigen Videobearbeitung von einem Zusammenschluss internationaler Geheimdienste das Recht in die Hand genommen wird. Es werden Videobeweise geliefert, um Täter, von deren Schuld man überzeugt ist, die man aber nicht beweisen kann, anklagen und verurteilen zu können. Dies kann in einer unbeherrschbaren Realität mit internationalen Verbrecherorganisationen ein Weg sein, die demokratische Ordnung zu sichern – oder etwa nicht? Wenn solche inneren Diskussionen über politische, soziale oder psychologische Fragen von Genrestücken in Gang gesetzt werden, hat meiner Meinung nach ein unabhängiges Fernsehen in einer Demokratie seinen Bildungsauftrag erfüllt.

„The Capture“ (BBC One, 2019), geschrieben und produziert von Ben Chanan findet man bei Starzplay, buchbar über Amazon Prime, 4,99 € monatlich, jederzeit kündbar.

„Homecoming“ (2018) von Sam Esmail mit Julia Roberts bei Amazon Prime, gedreht nach dem gleichnamigen Podcast von Gimlet Media, den man z.B. über Spotify hören kann.

„The Manchurian Candidate“ (2004) von Jonathan Demme kann man bei Amazon Prime leihen, die ältere Filmversion von John Frankenheimer (1962) ebenfalls.

„Three Days of the Condor“ (1975, Sidney Pollack) streamt oder leiht man bei Amazon Prime, ebenso „Prince of the City“ (1981, Sidey Lumet)

Filme und Serien

„Liberace“ – ein Film von Steven Soderbergh

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© DCM

Liberace war ein erfolgreicher US-amerikanischer Pianist und Entertainer in den sechziger und siebziger Jahren, der unverkennbar homosexuell auftrat, seine eigene Homosexualität aber unter Androhung von Rechtsstreits verbarg. Dieses Vorgehen war für ihn eine Schutzdecke, seine sexuelle Identität öffentlich nicht zu benennen, aber deutlich homosexuell aufzutreten.

Soderberghs Film (nach realen Begebenheiten) entwickelt sich entlang der Liebesgeschichte zwischen Liberace und dem zu Beginn 18jährigen Scott, den er umgarnt, ins Vertrauen zieht, als Chauffeursfigur in seine Show einbaut, mit dem er lange lebt und den er am Ende gegen einen jüngeren Partner austauscht. Scott dagegen findet in Liberace eine Vaterfigur und etwas, das er nie in seinem Leben hatte, eine großzügige und Geborgenheit gebende Familie. Dies ist lange Zeit ausreichend, um Liberaces Wünsche, ihm äußerlich ähnlicher zu werden, zu erfüllen.

Unmittelbar fasziniert hat mich die Doppelbödigkeit im Leben von Liberace, die auch im Film in vielen Szenen als Stilmittel verwendet wird. Wenn jemand sein eigenes Bild nach außen so kontrolliert, dass er seine sexuelle Orientierung versteckt, aber davon lebt, diese auf der Bühne zu zeigen, entsteht eine flirrende Beziehung zu sich selbst, ein changierendes Suchen danach, wer man ist und allzu oft auch ein Verlust der Sicherheit in sich selbst. Soderberghs Film von 2013 bildet dies in vielen Szenen ab, so wenn Liberace sich den jeweiligen neuen Partner anfangs so zeigt, wie es diesem gefällt, dabei aber unklar bleibt, was ernst gemeint ist und was Strategie ist. Oder wenn Liberaces heiter-verspielte Klaviermusik erklingt, während parallel verstörend reale Details von Schönheitsoperationen im Gesicht gezeigt werden. Liberace ist zu Beginn seiner Liebesbeziehungen ein Wunscherfüller, bald aber möchte er seine eigenen Wünsche erfüllt haben, die ganze Welt und auch seinen Partner zum exakten Ebenbild zu machen: Wenn die Welt mich nicht achtet, wie ich bin, so versuche ich die Welt um mich herum so zu verändern, dass sie mich spiegelt.

Das Leitmotiv der Spiegelbild-Suche wird anhand der Schönheitsoperationen, des Kleidungsstils und der Lebensgewohnheiten durchdekliniert. Ist es eine Suche danach, wer man selbst ist? Liberace steckt fest in dem Begehren, von anderen gespiegelt zu werden und Anerkennung zu bekommen für eine äußere Zurechtmachung, für eine Kunstfigur. Eine intensive Begegnung mit sich selbst und anderen wird gewünscht, aber verfehlt. Allerdings wirkt all dies nie ermüdend oder leer, denn es geht auch immer um Beständigkeit, Sicherheit und Anerkennung in einer dauerhaften Beziehung und so entstehen auch sehr berührende Filmmomente. Auch wird deutlich, aus welchen Konstellationen heraus die beteiligten Figuren die manchmal zerstörerischen Beziehungen miteinander aufbauen, so dass kein Voyeurismus geweckt wird oder Verachtung spürbar wird. Es ist eine fast fürsorgliche Darstellung einer Beziehung zwischen zwei Männern – vom grossartigen Anfang bis zum bitteren Ende.

Für die Verdeutlichung eines seelischen Störungsbildes ist der Film nicht geeignet, aber er zeigt den allgemeinen seelischen Mechanismus, jemanden eine ganz besondere Stellung zu geben, um die eigene Leere zu füllen und ihm nach dem Misslingen diesen Platz wieder zu nehmen. Soderberghs Film gelingt es, dies ohne Wertung oder Verurteilung in Bilder und Szenen zu bringen – vielleicht fand er deshalb keine Produktionsfirma in Hollywood und ging zu HBO. Und auch Michael Douglas und Matt Damon bekamen die Chance, in ihren Rollen ganz aufzugehen und als Hollywood-Stars zu verschwinden.

„Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ (2013) von Steven Soderbergh kann man für wenig Geld hier leihen oder hier kaufen.

Ausstellungen

„Schattenreich“ – eine Ausstellung von Simon Schubert im Museum Morsbroich

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Schattenreich (Sitzungsraum) 2019, © Simon Schubert

Zweimal habe ich die Ausstellung besucht, und jedesmal ließ mich die Frage nicht los, wie es den Schatten in Simon Schuberts Räumen ergeht, denn das Leben wird ihnen nicht leicht gemacht. Oft wird das Licht so manipuliert, gesteigert oder ausgeblendet, dass die Schatten mit viel Aufwand gesucht werden müssen. Jedenfalls denkt man das – bis man bemerkt, dass die Schatten im Grunde überall beteiligt sind, schmal, zart, graphitschwarz, angedeutet oder auch übermächtig.

Das Spiel von Licht und Schatten ist eine thematische Linie, entlang derer man die Ausstellung im Museum Morsbroich begehen kann. Ständig präsent sind die Faltungen in weißem Papier, die den zweidimensionalen Bildträger zu einem perspektivischen Raumgestalter werden lassen. Alle Wände der Graphiketage des Musuems Morsbroich sind damit verkleidet, sie reflektieren das künstliche Licht und bieten doch Ausfluchten daraus, da die Faltungen Räume vorspielen. Es sind schön anzusehende Perspektive-Tricks, denen man gerne folgt, da sich bald in den Räumen selbst eine schwer greifbare Beklemmung einstellt. Man möchte ihr entgehen, indem man nach einer Ordnung sucht, also z.B. in welcher Richtung man die Räume am sinnvollsten durchwandert. Oder indem man Spiegel-Spiele mit sich selbst oder anderen spielt, und mit gelöst-heiterer Stimmung dem Unheimlichen entgehen möchte. Aber das Licht mit seinem Gegenspieler „Nicht-Licht“ bleibt bestimmend für den Besuch der Ausstellung und man kann ihm nicht entkommen, so sehr man es auch versucht.

Eine andere Lesart des Schattenreiches wird durch „Dr. R.“ vorgegeben, eine mit Arztkittel und zuhörender Sitzhaltung versehene Figur mit Plüschhasenkopf. Durch ihn wird man auf die Fährte gesetzt, man betrete nun eine verkehrte Welt, wie bei Alices Spiegelwelt durch das Kaninchenloch (Lewis Carroll) oder wie bei Sigmund Freud die Welt des Unbewussten durch die Traumdeutung. Rahmen umschließen mehrere unregelmäßig gehängte Papierarbeiten oder sie sind winklig ineinander verdreht ohne ein Werk zu umfassen, ein Haus wird gewendet und auf der Giebelseite wieder aufgestellt, Treppenhäuser werden perspektivisch verzerrt gezeichnet. In einem dunklen Spiegelkabinett sieht man nicht sich selbst, wie man es aus der Szenerie erwarten könnte, sondern im Spiegel tauchen weitere Ausstellungsbesucher auf. Die ebenfalls vor dem Spiegel stehende gesichtslose Frau wirft die Frage auf, ob man sich selbst überhaupt im Spiegel erkennen kann, oder sind wir uns nicht auch immer etwas fremd?

Ausgehend von dem als Schlafzimmer erkennbaren Raum der Ausstellung findet man ein weiteres Thema: Was nimmt man wahr in einem extrem hellen Raum? Auf eine glatte Matratze sind Falten aufgebracht, die andeuten, dass das Bett benutzt worden ist und aus dem Nachbarzimmer schaut ein Mädchen auf das Bett, genauer gesagt, sie steht kurz vor der Türschwelle. Man nimmt ihre Blickrichtung zum Bett wahr, aber sie hat kein Gesicht, sondern nur zwei Rückseiten. Sie kann sich nicht abwenden von dem, was sie dort sieht oder auch erinnert. Besucher sind oft mit der genauen Betrachtung der Figur beschäftigt, sie fragen sich, ob sie einen Daumen hat oder nicht, ob das Haar echt ist und ob die Kleidung passt. All dies sind kognitive Verstehensversuche, die ablenken können vom dem Eindruck, es könnte dort etwas Beunruhigendes geschehen sein. Das Schlafzimmer verweist in seiner surrealen Lichtsituation auch auf künstlerische Experimente mit Zeit- und Raumlosigkeit, wie sie zum Beispiel in den letzten Sequenzen von Kubricks „2001: A Space Odyssey“ (1968) meisterhaft vorgeführt wurden. Auch in Schuberts Raum fühlt man sich schwebend und vollständig umfasst, oder auch geblendet und ohne Wärme, verschiedene Alterstufen begegnen oder überschneiden sich. Die Aufhebung von Zeit durch das popkulturelle Zitat und die Lichtsituation verstärken wiederum die Wirkung, in eine kindliche Situation zurückversetzt zu werden.

Unmittelbar legt sich mir als Psychotherapeutin eine Verbindung zu seelischen Traumata nahe im Sinne von Grenzüberschreitungen oder missbräuchlichen Situationen, die Kinder nicht einordnen können und die diese tief verletzen. Solche Erlebnisse lassen Spuren zurück, die lange noch wirksam bleiben, ohne bewusst verstanden zu werden. Brennende Häuser und Einrichtungsgegenstände, unmöglich erscheinende Treppenhäuser und tiefschwarze Zeichnungen vertiefen den Eindruck, es werden verstörende Erlebnisse künstlerisch verarbeitet. Allerdings werden in anderen Räumen oft wiederum spielerische Bildbrechungen angeboten. So wird ein Haus um 90 Grad gedreht, man kann es betreten, sich in mehreren Spiegeln anschauen und auch einen kleinen Geist finden, der im Haus versteckt ist. Simon Schubert führt in seinem Schattenreich keine Abgründe vor, sondern bietet eine Reise durch sehr unterschiedliche Räume der Seele an.

Empfehlen möchte ich den Besuch der Ausstellung nicht, weil ich denke der Künstler hat seelische Traumata verarbeitet, sondern weil man an einigen Stellen bildlich erleben kann, wie sich Raum und Zeit aufheben und wie einzelne Ereignisse in diesem nicht-linearen und nicht-logischen Zuständen mit Bedeutung aufgeladen werden können. Dies ist eine Analogie zur psychologischen Betrachtung von Lebensgeschichten und Symptomentstehungen und machte mir den Besuch persönlich und beruflich zu einer Bereicherung.

Simon Schuberts Austellung Schattenreich ist noch bis zum 19. April 2020 im Museum Morsbroich zu sehen. Kubricks „2001: A Space Odyssey“ (1968) und Tim Burtons „Alice in Wonderland“ (2010) findet man bei Amazon Prime – oder im eigenen DVD-Schrank. Eine deutsche Ausgabe von Lewis Carrolls „Alice in Wonderland“ gibt es zum Beispiel als Insel Taschenbuch gebraucht hier.

Schattenreich (Schlafraum) 2019, © Simon Schubert
Schattenreich (Rahmenkabinett) 2019, © Simon Schubert
Die verbotene Reprobation 2007,
© Simon Schubert
ohne Titel (Licht im Treppenhaus), 2016,
© Simon Schubert
Filme und Serien

„Besser geht’s nicht“ – eine romantische Komödie mit Jack Nicholson

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©sony pictures home entertainment

Ein 20 Jahre alter Hollywoodfilm als Empfehlung in der Kategorie „Filme zu Störungsbildern“? Ja, die Darstellung der Nöte, Hindernisse und Beziehungsformen eines älteren Mannes mit einer Zwangsstörung ist sehr lebendig, und Jack Nicholson und Helen Hunt machen in ihren Rollen einfach Spaß.

Der wohlhabende Schriftsteller Melvin Udall ist gefangen und gleichzeitig geschützt in seinen stereotypen Gedanken und Handlungen, sich binden ist nur sehr versteckt möglich und Abfälligkeiten gegenüber anderen Menschen sind an der Tagesordnung. Durch eine Störung in seinen gewohnten Abläufen wird er gefordert, sich anderen Menschen zu öffnen, was zu einer ereignisreichen Autofahrt zu dritt führt, und letztendlich zu Kontakten zu anderen Menschen, die ein wenig mehr Nähe und Flexibilität ermöglichen.

Dialoge und kleine alltägliche Szenen lassen das Phänomen der Zwanghaftigkeit spürbar werden, ohne dass auf irgendeine Art erklärt wird, woher Melvin Udalls Probleme stammen. Erklärungen in Filmen führen oft eine hinderliche Meta-Ebene ein. Zu zeigen, wie sich die Lebenssituation dreier sehr unterschiedlicher Charaktere darstellt und wie sie sich in der Geschichte weiterentwickelt, das genügt hier.

Das Überraschende an dieser Komödie ist, dass die Abzweigung zum Klischee immer möglich ist, manchmal auch angedeutet wird, aber der Film oftmals die nicht perfekten Lösungen bevorzugt. Ein Mensch mit Zwangssymptomen wird diese nicht einfach aufgeben können, aber er kann sie besser kennenlernen. Und es ist auch manchmal möglich, in Beziehungen zu anderen Menschen zu versuchen, diese nicht nur zum Teilen und Herrschen zu nutzen. Entsprechend dem Genre wird dies besonders deutlich an einer Liebesbeziehung gezeigt, und romantische Gefühle kommen dabei nicht zu kurz. Aber es geht auch um Hunde, Nachbarn, Freunde und – last but not least – darum, wie man sich zu sich selbst und den Objekten der direkten Umgebung ‚in Beziehung setzt‘.

Regisseur des Films von 1997 ist James L. Brooks, Originaltitel „As Good as it Gets“, und derzeit kann man ihn bei Netflix finden.

Podcasts

„Seelsorge, Coaching, Psychotherapie“ – ein Dreiergespräch aus der Reihe Psychcast

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Edith Buchhalter 2009

Ein Gespräch zwischen einer Seelsorgerin, einem Coach und einem Psychotherapeuten anzuhören, fand ich unmittelbar spannend. Nicht nur das, was gesagt wird, interessierte mich, sondern auch wie miteinander umgegangen wird, welche Atmosphäre entsteht und ob unter diesen Bedingungen etwas gesagt werden kann, was sonst nicht gesagt würde.

Inhaltlich ging es um Rahmenbedingungen, grundsätzliche Haltungen im Beruf und Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Vorgehensweise. Am meisten Freude machte mir die Frage, was denn die einzelnen in ihrer Arbeit gerne und gut machen, und zwar beide Aspekte zusammen: Was machst du, was sehr wirksam ist und dich mit dem Gefühl nach Hause gehen läßt, das war gut und hat Spaß gemacht? Dazu wird von den Beteiligten genannt: „Raum geben und halten“, „Annehmen“, dem „Gegenüber das Gefühl vermitteln, es sei in Ordnung“, als zweites „provokatives Irritieren eigener Bremsen“ oder „Thema wechseln beim Zirkulieren“, als drittes nennen alle das Ansprechen, Bestärken und Anwenden eigener Stärken und Ressourcen des Gegenübers. Gegen Ende war es in der wertschätzenden Dynamik des Dreiergesprächs auch möglich, Lachen und Humor zu nennen, oder Spaziergänge durch den Park, ganz ,ganz kleine Schritte besprechen oder eine Kerze anzünden.

Lange noch im Gedächtnis geblieben ist mir ein Bild, das die Seelsorgerin als wichtig für ihre Tätigkeit benannte, das Bild der Auferstehung Jesu. Besonders wirksam für die empathische Grundhaltung sei dabei der Satz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, für weiteres Arbeiten das Wunder der Auferstehung selbst: Bei Sackgassen gibt es immer etwas, das passiert, das ich mir nicht vorstellen kann, eine unerwartete Tür, und da kann man gemeinsam hinschauen. Dass biblische Bilder hochwirksam sind, ist keine überraschende Ansicht, aber dies so zeitgemäß übersetzt zu hören war neu für mich. Und es entstand dabei die Frage: Welches Leit-Bild hat man als psychotherapeutisch Tätige/r von der eigenen Arbeit und wie unterscheidet sich dieses vom biblischen Bild? Oftmals begegnet mir – bei Kolleg/innen, aber auch in mir – das Bild von Machbarkeit, Magie, Zaubern, Verwandeln können. Ein sehr mächtiges Bild, aber es kann auch stark trennen, einer besitzt das Zauberwissen und ein anderer nicht. Darauf nimmt auch Jan Dreher Bezug, der in diesem Podcast äußert: „Ein bißchen Demut würde wahrscheinlich manchem Psychotherapeuten ganz gut tun“. Pointiert weist er damit darauf hin , dass man als Psychotherapeut erfahren ist mit seelischen Krankheiten, aber wie der einzelne Mensch jeweils mit seinen Problemen umgeht, das weiß er nicht besser als dieser Mensch selbst.

Insgesamt gibt der Podcast einen neuen Blick auf die eigene Arbeit, da man durch andere Augen schauen kann, aus angrenzenden Fachgebieten Anregungen erhält und vielleicht gelassener mit Überschneidungen umgehen kann.

Grit de Boer ist Pfarrerin im Krankenhaus und arbeitet in der Diakonie, Schwerpunkt Trauerbegleitung. Philipp Besch ist Dipl.-Pädagoge, mit Erfahrungen in der stationären und ambulanten Jugendhilfe ist er nun tätig in der Erwachsenenbildung und als Coach, einzel und in Unternehmen. Jan Dreher ist Psychiater, Psychotherapeut und Chefarzt einer Klinik in Krefeld.

Die Folge 92 des Psychcast findet man hier.

Bücher

„Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht“ – ein Buch von Irvin D. Yalom

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Fotografie: unbekannt

Ein guter Therapeut sollte handeln, Fehler eingestehen, eine Diagnose vermeiden, die eigenen Probleme offen benennen und Hausbesuche machen? Da regt sich Widerspruch, und das ist für mich eins der Hauptargumente, dieses Buch zu lesen – außer den vielen Beispielen und der unzweifelhaft großen literarischen Kompetenz des Autors. Eine Zusammenstellung von 85 Ratschlägen (plus Anhang) ist schon an sich eine Provokation, denn sowohl Konzepte über das Entstehen von Störungsbildern als auch Behandlungskonzepte findet man selten in dieser Form. Aber ein lebenserfahrener Psychiater und Psychotherapeut kann und darf sich seinem Thema ungebunden nähern. Dies trägt zur guten Lesbarkeit bei, enthebt einen aber nicht vom Nachdenken und Vergleichen mit der eigenen Arbeitsweise.

Manches ist nicht neu, zum Beispiel dass sich durch therapeutisches Handeln eine andere als die beabsichtigte Wirkung einstellt, dies aber sehr fruchtbar sein kann. Einer Trost benötigenden Patientin bot Yalom an, ihre Sitzung auf einen Zeitpunkt zu verschieben, an dem sie nicht von ihrer Arbeit freinehmen müsse, damit sie es leichter habe. Die Patientin dagegen fühlte sich dadurch abgelehnt und war überzeugt davon, dass die Stunden mit ihr der Tiefpunkt seiner Woche seien. Die Gespräche wurden dadurch aber „auf das fruchtbare Terrain ihrer eigenen Selbstverachtung und der Projektion ihres Selbsthasses“ auf den Therapeuten geführt.

Manches wird kurz und knackig geschrieben, manches nimmt viel Raum ein, wie der Umgang mit Träumen, die der Autor vorschlägt zu „plündern“, also das zu entnehmen, was zeitlich und thematisch am besten zu gebrauchen ist. Grundsätzlich aber ist die reflektierende Ebene immer enthalten, also Ratschläge werden begründet und diskutiert. Und dies geschieht auch bei der Lektüre: man blättert herum, liest sich fest, findet eigene `Regeln`wieder, man lehnt etwas ab, denkt nach und positioniert sich neu. Oder man genießt die Bearbeitung eines nur allzu bekannten Themas: Wie gehe ich mit verliebten Patient/innen um? Man möchte nicht zum „Henker der Liebe werden“, man weiß aber um die Verfallzeit des Verliebtseingefühls. Yaloms ausführlicher Ratschlag dazu zentriert sich um das „behutsame Entwickeln einer langfristigen Perspektive“, ohne in Kritik an dem „goldenen Gefühl“ des Verliebtseins zu verfallen.

Schwierig ist es, dass Yalom als jemand auftritt, der sehr überzeugt von sich und seinen Fähigkeiten ist und dies in bewundernswerter sprachlicher Kompetenz darzustellen weiß. Dennoch fühlte ich mich – meist – nicht abgehängt oder überheblich behandelt. Dies könnte daran liegen, dass der Autor seine narzisstischen Tendenzen an einigen Stellen thematisiert, oder auch daran, dass für ihn glaubhaft die Menschen im Vordergrund stehen, die zu ihm kommen und an sich arbeiten möchten, sowie die Therapeuten, die sein Buch lesen und an sich arbeiten möchten.

Irvin D. Yalom (* 1931) war Professor für Psychiatrie an der Stanford University und hat zahlreiche Romane und Fachbücher veröffentlicht. Basis seiner intersubjektiven und psychodynamischen Herangehensweise ist die existenzielle Psychotherapie. Das empfohlene Buch ist 2002 unter dem Titel „The Gift of Therapy“ in New York erschienen und auf Deutsch im btb Verlag erschienen

Szenen aus Sitzungen mit Yalom werden von ihm besprochen und sind bei Youtube zum Beispiel hier zu finden.

Forschung

„Vom Umgang mit Risiko und Unsicherheit – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ – ein Vortrag von Gerd Gigerenzer

Veröffentlicht am
Branko Radovanović

Sowohl die derzeitige politische Situation als auch der Expertenstatus als psychotherapeutisch Tätige/r machen es nötig, etwas über „statistisches Denken“ zu wissen. Dies wird jedenfalls nach dem Hören des Vortrags von Gerd Gigerenzer, Psychologe und Risikokompetenzforscher, nur allzu deutlich. Die Manipulation von Ängsten durch Politik und Werbung wird hier in (meist) gut verständlichen Schritten erklärt und die Beispiele aus dem Alltag (Parship-Werbung, Hai-Tote, Wettervorhersage und Zahlen zum Equal Pay Day) sind einleuchtend und manchmal auch unterhaltsam. Eher neu und schockierend aber ist es, wenn tödliche Auswirkungen aufgezeigt werden. So stieg die Zahl der Toten auf US-amerikanischen Highways bei Langstrecken nach dem Terroranschlag auf die Twintowers 2001 stark an, da das Fliegen in der Folgezeit vermieden wurde, die Wahrscheinlichkeit zu sterben auf einer Autofahrt aber viel höher ist. Oder es wurden in Großbritannien nach einer Meldung, dass bei der Anti-Baby-Pille der dritten Generation das Thromboserisiko um 100 % angestiegen sei, nach Absetzen der Verhütung ca 13.000 Abtreibungen mehr als vor der Meldung durchgeführt. Dabei stieg die absolute Wahrscheinlichkeit lediglich von 1 Erkrankung bei 7000 Frauen auf 2 Erkrankungen bei 7000 Frauen.

Die Forschungen zur Risikokompetenz haben ergeben, dass viele Expertengruppen bezüglich des Nicht-Wissens den meisten Menschen nicht nachstehen. So ist wird in Befragungen deutlich, dass Ärzte häufig den Unterschied zwischen Mortalitätsrate und Überlebensrate nicht sachgerecht anwenden können und daher die Empfehlungen zu bestimmten Tests unterschiedlich treffen. Aufklärerisches Wissen über Wahrscheinlichkeiten Journalisten, Ärzten und anderen Experten zu vermitteln, ist Gerd Gigerenzer ein Anliegen, und das merkt man seinem Vortrag an. Manchmal wirkt er väterlich belehrend, aber manchmal eben auch spürbar betroffen, und immer engagiert in seinem aufklärerischen Impetus, Kants Wahlspruch umzusetzen, mit Mut den Verstand, den jeder hat, auch zu gebrauchen.

Gerd Gigerenzer ist Direktor emeritus des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der Vortrag wurde gehalten am 2. März 2019 in der Vortragsreihe „exkurs“ der DFG in Leipzig und ist hier beim DLF zu hören.

Auch lesenswert als Übung zum Umgang mit Risiken und Zahlen im Alltag ist die Website Unstatistik des Monats, an der Gerd Gigerenzer mitarbeitet.

Fotografie: Branko Radovanovic

Filme und Serien

„Blue Jasmine“

Veröffentlicht am
Edith Buchhalter 2011

Kennt man nicht Phasen im Leben, in denen man laut mit sich selbst spricht und die anderen um sich herum vergisst? Psychologisch gesehen könnte dies ein Weg sein, sich in einer Art Selbstfürsorge wieder aufzurichten und so aus einem Tief heraus zu kommen. Dies jedenfalls wünscht man in dem Film „Blue Jasmine“ (Woody Allen, 2013) der Hauptfigur und diese Hoffnung trägt das Filmerleben sehr lange Zeit. Neben natürlich der überragenden Schauspielerin Cate Blanchett, die der an ihrer verlorenen Fassade festhaltenden älteren Frau eine intensive und leere Traurigkeit gibt.

Jasmine hat ihren Reichtum, ihren seelenlosen Ehemann und ihre Wohnung an der Upper East Side von New York verschwinden sehen, sie ist gezwungen zur Schwester nach Florida zu ziehen, sich einen Job zu suchen und ihren Alltag selbst zu organisieren. Gezeigt wird dies als struktureller Zusammenbruch, als Verlust einer Außenhülle, die das einzig stabile Gerüst im Leben der Gattin eines reichen Betrügers war. Quälend ist die fortschreitende Verleugnung aller Angebote des realen Lebens, die Verdrängung von Erfahrungen, die Jasmine macht, der fortschreitende Rückzug in das blau-leere Innenleben. Der Film macht deutlich, wie schwer es ist, eine Anlehnung an Fassaden wie Ehemann, Reichtum u.a. aufzugeben. Sinnlichkeit, kompliziertere Bindungen, mittelmäßige Lebensformen, Versagungen, Alltagsanforderungen – in all dies kann Jasmine nur momentweise einsteigen. Der Sprung aus ihrer haltgebenden Hülle ist zu angstbesetzt, zu wenig erprobt, lieber wird der rote Faden der traurigen Gleichgültigkeit wieder aufgenommen. Am Ende ist sie gefangen in den Versuchen, die gefundene Lebensform zu wiederholen, also wieder einen reichen Ehemann zu finden. Man sieht, wie diese Methode leerläuft, Jasmine kann ihr Scheitern nicht nutzen und das Verleugnen setzt wieder ein.

Realitätsverlust, fassadere Persönlichkeit, abhängige Strukturanteile sind die diagnostischen Stichworte, aber Cate Blanchett macht aus Jasmine eine komplexe und überzeugende Film-Figur, die die ihre Probleme reichhaltiger deutlich macht als trockene Einordnungen. Es gibt Kritiken, die den Realitätsverlust der Protagonistin gespiegelt sehen in der künstlichen und stereotypen Darstellungsweise des Regisseurs. Dies mag sein, kann aber auch als eine Kongruenz von Inhalt und Form angesehen werden.

Blue Jasmine kann man auf Amazon Prime leihen oder als DVD kaufen z.B. hier

Eine Kritik aus der Süddeutschen Zeitung findet man hier.